Kontakt: In Kabul: Abdul Raouf Zia (93) 702 80800 Email: Azia@worldbank.org In Washington: Erik Nora (202) 458 4735 Email: enora@worldbank.org Washington, 23. Januar â Ein heute vorgelegter neuer Bericht der Weltbank warnt, die Fragmentierung der auslĂ€ndischen Hilfen könnte die Rechenschaftspflicht und die FĂ€higkeiten der Regierung in Afghanistan negativ beeinflussen. Laut der Studie âAfghanistan: Managing Public Finances for Developmentâ flieĂen rund drei Viertel der auslĂ€ndischen Hilfen am Staatshaushalt vorbei, was die langfristige Finanzplanung des Landes erheblich beeintrĂ€chtigt. Der Bericht, der im Vorfeld der am 31. Januar in London stattfindenden Afghanistan-Konferenz veröffentlicht wurde, drĂ€ngt die GeberlĂ€nder, ihre Hilfen verstĂ€rkt in staatliche KanĂ€le zu lenken, um die fiskalische Nachhaltigkeit zu gewĂ€hrleisten und die langfristige Entwicklung des Landes zu unterstĂŒtzen. Ferner wird angemahnt, die afghanische Regierung werde ihre BemĂŒhungen fĂŒr eine bessere QualitĂ€t der Erstellung und Umsetzung der HaushaltsplĂ€ne, darunter die StĂ€rkung der TreuhĂ€nderpflichten, intensivieren mĂŒssen. Dem Bericht zufolge, der die Herausforderungen beim Management der öffentlichen Finanzen in Afghanistan analysiert und einen MaĂnahmenkatalog vorschlĂ€gt, sei eine umfassendere Partnerschaft zwischen Regierung und Gebern die Voraussetzung fĂŒr eine höhere Wirksamkeit der Entwicklungszusammenarbeit. Erreicht werden solle dies in Verbindung mit der nationalen Entwicklungsstrategie und dem Haushaltsplanungsprozess. Der Bericht legt ĂŒberdies dar, dass zersplitterte, isolierte Einzelprojekte, die staatliche Systeme umgehen und auf die TreuhĂ€nderprozesse der Geber selbst zurĂŒckgreifen, möglicherweise weniger kosteneffektiv sind und die verfĂŒgbare Zeit sowie die KapazitĂ€ten der Regierung schwer belasten können. Allein die Aufgabe, sich ĂŒber Projekte auf dem Laufenden zu halten, ĂŒber die sie keine Kontrolle hat und von denen sie hĂ€ufig nur wenig weiĂ, bindet erhebliche KapazitĂ€ten und untergrĂ€bt die AutoritĂ€t der Regierung. Kurz gesagt, sei dies nicht der effektivste Weg, um die Beziehungen der Entwicklungszusammenarbeit in Afghanistan weiterzuentwickeln, so der Bericht weiter. âDie Erfahrung lehrt, dass es kosteneffektiver ist, Hilfen in staatliche KanĂ€le zu lenkenâ, erklĂ€rt Alastair McKechnie, LĂ€nderdirektor der Weltbank fĂŒr Afghanistan. âNur ein Beispiel: Ein Basispaket an Gesundheitsdiensten kann abseits staatlicher KanĂ€le 50 Prozent teurer sein als bei einer wettbewerbsfĂ€higen Erbringung seitens des Staates. DarĂŒber hinaus wird die GlaubwĂŒrdigkeit der Regierung gestĂ€rkt, da sie auf diese Weise ihre FĂ€higkeit unter Beweis stellt, Dienste zu ĂŒberwachen und gegenĂŒber dem Volk sowie dem neu gewĂ€hlten Parlament die Verantwortung fĂŒr die Ergebnisse zu ĂŒbernehmen.â Der Bericht verdeutlicht am Beispiel des Afghanistan Reconstruction Trust Fund (ARTF), der den GroĂteil der wiederkehrenden Ausgaben finanziert, die VorzĂŒge der Nutzung staatlicher KanĂ€le. âDer ARTF sorgt fĂŒr Vorhersagbarkeit der Finanzierung und ermöglicht der Regierung, ihren grundlegenden Aufgaben gerecht zu werden, zum Beispiel Lehrer und Ărzte zu bezahlenâ, erlĂ€utert Jean Mazurelle, LĂ€ndermanager fĂŒr Afghanistan. Der Prozess der Haushaltsplanung sollte das zentrale Instrument der nationalen Politik und Reformen sein, wie der Bericht darlegt. Um dieses vorrangige Ziel der Regierung zu verwirklichen und dafĂŒr zu sorgen, dass ein gröĂerer Teil der Mittel der GeberlĂ€nder in staatliche KanĂ€le flieĂt, bedarf es â aufbauend auf die vom Bericht dokumentierten beeindruckenden Fortschritte in jĂŒngster Zeit â in allen Teilen des Haushaltsplanungsprozesses weiterer Verbesserungen. Das kĂŒrzlich gewĂ€hlte Parlament wird in diesem Zusammenhang, wie in der afghanischen Verfassung festgeschrieben, eine konstruktive Aufsicht fĂŒhren mĂŒssen â insbesondere mit Blick auf die Genehmigung des Jahreshaushalts und die Revision der PrĂŒfberichte. Um den Haushaltsplanungsprozess optimal zu nutzen, muss die KorruptionsanfĂ€lligkeit des Landes verringert werden, wie der Bericht betont. So seien Verbesserungen im System des Managements der öffentlichen Finanzen sowie weitere PrĂ€ventivmaĂnahmen von entscheidender Bedeutung â eine bloĂe Fokussierung auf die Untersuchung und strafrechtliche Verfolgung von EinzelfĂ€llen reiche dabei nicht aus. Konfrontiert mit einer schwierigen Nachkriegssituation, hat Afghanistan bemerkenswerte Fortschritte erzielt, darunter ein rasches Wirtschaftswachstum, eine höhere Grundschuldbesuchsquote denn je, der Wiederaufbau wichtiger HauptstraĂen, eine neue stabile WĂ€hrung sowie PrĂ€sidentschafts- und Parlamentswahlen. Die Haushaltsdisziplin wurde rigoros durchgesetzt und aufrecht erhalten, vor allem durch Begrenzung des staatlichen Personalaufwands. Ferner hat sich die Regierung nachdrĂŒcklich zu finanzieller Transparenz und Rechenschaftspflicht bekannt, was in einer verbesserten treuhĂ€nderischen Leistung resultierte. Dennoch sind noch viele Probleme ungelöst. Die öffentlichen Ausgaben sind auĂerordentlich hoch (57 Prozent des BIP im Jahr 2004/2005). Die Steuereinnahmen, die mit rund 5 Prozent des BIP zu den weltweit niedrigsten zĂ€hlen, decken nur ein Viertel der wiederkehrenden Ausgaben, und betrĂ€chtliche Ausgaben in kritischen Bereichen wie der Sicherheit werden abseits der direkten Kontrolle des Staates getĂ€tigt. Wenn die öffentlichen Ausgaben nicht in einem vertretbaren Rahmen gehalten werden, könnte dies schwerwiegende Folgen haben, warnt der Bericht der Weltbank. Ein krĂ€ftiger Zufluss von Hilfen könnte in Verbindung mit mangelnden KapazitĂ€ten im Inland und geringen Steuereinnahmen zu einem untragbaren Ausgabenmuster fĂŒhren. âDie Entwicklung Afghanistans ist abhĂ€ngig vom Aufbau eines effektiven, autarken Systems der öffentlichen Finanzenâ, betont Stephane Guimbert, Volkswirt bei der Weltbank und Mitverfasser des Berichts. âWĂ€hrend die internationale UnterstĂŒtzung Afghanistan die Möglichkeit eröffnet, die Restriktionen in Bezug auf den nationalen Haushalt vorĂŒbergehend zu lockern, bedarf es eines visionĂ€ren mittelfristigen Rahmenwerks, um sicherzustellen, dass das Land auf eine nachhaltige Finanzlage zusteuern kann.â Insbesondere, so merkt Guimbert an, werde âein anhaltend krĂ€ftiger Anstieg der Steuereinnahmen die Voraussetzung fĂŒr weitere Fortschritte auf dem Weg zu finanzieller Nachhaltigkeit in Afghanistan sein.â Der Bericht nennt vier SchlĂŒsselfaktoren fĂŒr Fortschritte auf dem Weg zu finanzieller Nachhaltigkeit: - Anhaltend krĂ€ftiger Anstieg der Steuereinnahmen: Damit die Einnahmen in den nĂ€chsten zehn Jahren mit den wiederkehrenden Ausgaben Schritt halten können, mĂŒssen sie ĂŒber lĂ€ngere Zeit sehr viel schneller steigen als die Ausgaben â höchstwahrscheinlich doppelt so schnell;
- Begrenzung der Gesamtausgaben im Rahmen einer realistischen mittelfristigen Planung;
- Sicherstellung, dass Ausgabenverpflichtungen, die durch öffentliche Investitionen und andere AusgabenbeschlĂŒsse entstehen, tragbar sind; und
- Integration von wiederkehrenden Ausgaben, die von Gebern durch das externe Budget direkt finanziert werden (vor allem jene im Bereich Sicherheit), in die Gleichung fĂŒr die finanzielle Nachhaltigkeit und schrittweise ĂberfĂŒhrung dieser Ausgaben in die nationale Haushaltsplanung.
âDas Endergebnis des Systems zum Management der öffentlichen Finanzen wird die Bereitstellung von Dienstleistungen seinâ, erklĂ€rt William Byrd, Volkswirt bei der Weltbank und Mitverfasser des Berichts. âDas ist entscheidend, damit die öffentlichen Ausgaben Ergebnisse erzielen, und extrem wichtig fĂŒr die GlaubwĂŒrdigkeit und LegitimitĂ€t des Staates.â Byrd fĂŒhrt weiter an, dass der Staat nicht unbedingt alle öffentlichen Dienste selbst erbringen muss. Mit wenigen Ausnahmen ist die Erbringung öffentlicher Dienste in den meisten Sektoren schlecht, wie der Bericht darlegt. Daher sei es wichtig, dass öffentliche Ausgaben Ergebnisse erzielen. Und dies setze wiederum solide Institutionen, von Rechenschaftspflicht geprĂ€gte Beziehungen, Anreize fĂŒr Dienstleister und nachhaltige Finanzen voraus. In mehreren Sektoren wurden bereits Fortschritte erzielt. So hat bei der Grundschulbildung der klassische Ansatz einer direkten staatlichen Leistungserbringung (staatsbedienstete Lehrer) zu einem drastischen Anstieg der Schulbesuchsquote gefĂŒhrt, wenngleich Zweifel an der QualitĂ€t der Leistung bestehen. Im Gesundheitswesen wurden mit einem innovativeren Ansatz, bei dem Dienstleistungen kostengĂŒnstig durch nichtstaatliche Organisationen (NGO) erbracht werden, ebenfalls Erfolge erzielt, indem der Zugang zu und die QualitĂ€t von grundlegenden Gesundheitsdienstleistungen verbessert wurden. Dennoch werden weitere Fortschritte nötig sein, um allen Afghanen diese Dienste effektiv zur VerfĂŒgung zu stellen. SchlieĂlich betont der Bericht das alle Bereiche betreffende Problem des Aufbaus von KapazitĂ€ten. KapazitĂ€ten in der Regierung werden fĂŒr die Entwicklung einer visionĂ€ren, mittelfristigen Planung, fĂŒr die Erweiterung der TreuhĂ€nderpflichten, die Steigerung der Steuereinnahmen und die Bereitstellung von Dienstleistungen unverzichtbar sein. KapazitĂ€ten erfordern gute Institutionen â klare Gesetze, eine solide Politik, fĂ€hige Akteure und effektive Organisationen. Und wie der Bericht schildert, werden staatliche FĂŒhrung und die Nutzung nationaler Systeme ein wesentlicher Faktor fĂŒr die Schaffung und den weiteren Ausbau staatlicher KapazitĂ€ten sein. |