Kontakt: In Washington: Merrell Tuck (202) 473-9516 Mobil: (202) 415 1775 mtuckprimdahl@worldbank.org
WASHINGTON D.C., 9. Dezember 2008 â Die weltweite Finanzkrise verdĂŒstert die kurzfristigen Aussichten fĂŒr EntwicklungslĂ€nder, und der Welthandel dĂŒrfte erstmals seit 1982 schrumpfen. Der krĂ€ftige Abschwung hat zu einem starken RĂŒckgang der Rohstoffpreise gefĂŒhrt und die historische fĂŒnfjĂ€hrige Boomphase beendet. Der heute veröffentlichte Bericht Global Economic Prospects 2009 stellt fest, dass die Weltwirtschaft nach einem ĂŒber lange Zeit krĂ€ftigen, von den EntwicklungslĂ€ndern gestĂŒtzten Wachstum nun vor einer Phase der groĂen Unsicherheit steht, da die Finanzkrise in IndustrielĂ€ndern die MĂ€rkte in aller Welt erschĂŒttert hat. Der GEP 2009 prognostiziert ein weltweites BIP-Wachstum 2,5 Prozent in 2008 und 0,9 Prozent in 2009. Das Wachstum in EntwicklungslĂ€ndern dĂŒrfte nach 7,9 Prozent in 2007 im nĂ€chsten Jahr bei 4,5 Prozent liegen, wĂ€hrend es in HocheinkommenslĂ€ndern ins Minus rutschen wird. âDie Menschen in den EntwicklungslĂ€ndern mĂŒssen mit zwei bedeutenden externen Schocks fertig werden: mit der AufwĂ€rtsspirale der Lebensmittel- und Kraftstoffpreise sowie mit der Finanzkrise, die zwar an den RohstoffmĂ€rkten fĂŒr etwas Entspannung gesorgt hat, zugleich aber das Bankensystem auf eine harte Probe stellt und ArbeitsplĂ€tze in aller Welt gefĂ€hrdetâ, sagt Justin Lin, Chefökonom der Weltbank und Senior Vice President fĂŒr Development Economics. âEs mĂŒssen dringend MaĂnahmen ergriffen werden, um die Auswirkungen der Krise auf die Realwirtschaft und die Ărmsten der Armen zu verringern, unter anderem durch Projekte zum Bau besserer StraĂen, Schienennetze, Schulen und Systeme fĂŒr die medizinische Versorgung.â Angesichts der Krise stockt die Weltbankgruppe derzeit ihre Hilfen fĂŒr EntwicklungslĂ€nder auf, unter anderem durch neue IBRD-Zusagen von bis zu 100 Milliarden US-Dollar in den nĂ€chsten drei Jahren sowie durch die IFC, ihre Organisation fĂŒr den privaten Sektor, in Form von FazilitĂ€ten zur Finanzierung des Handels, zur Rekapitalisierung von Banken und fĂŒr privat finanzierte Infrastrukturprojekte, denen eine finanzielle Schieflage droht. In Anbetracht der prognostizierten Schrumpfung des Welthandels um 2,1 Prozent in 2009 werden die EntwicklungslĂ€nder einen krĂ€ftigen RĂŒckgang ihrer Exporte verzeichnen. Die restriktiveren Kreditbedingungen und die gröĂere Ungewissheit dĂŒrften dazu fĂŒhren, dass sich der Anstieg der Investitionen in Entwicklungs- und HocheinkommenslĂ€ndern in 2009 verlangsamtâtatsĂ€chlich dĂŒrften die Investitionen in IndustrielĂ€ndern um 1,3 Prozent sinken und in EntwicklungslĂ€ndern nur noch um 3,5 Prozent steigen nach 13 Prozent in 2007. âIn EntwicklungslĂ€ndern sollte die Politik den Bankensektor sorgfĂ€ltig ĂŒberwachen und bereit sein, externe UnterstĂŒtzung in Anspruch zu nehmen, um die WĂ€hrungen und das Bankensystem zu stĂŒtzenâ, sagt Uri Dadush, Direktor der Development Prospects Group der Weltbank. âAufgrund des erwarteten RĂŒckgangs des Welthandels mĂŒssen sowohl die Industrie- als auch die EntwicklungslĂ€nder der Versuchung widerstehen, ihr Heil im Protektionismus zu suchen, der die Krise nur verlĂ€ngern und weiter verschĂ€rfen wĂŒrde.â Der Einbruch des weltweiten Wachstums hat den AufwĂ€rtstrend der Rohstoffpreise rĂŒckgĂ€ngig gemacht, der die erste JahreshĂ€lfte kennzeichnete. Die Preise praktisch aller Rohstoffe sind seit Juli massiv gesunken. WĂ€hrend die realen Lebensmittel- und Kraftstoffpreise in EntwicklungslĂ€ndern deutlich nachgegeben haben, bleiben sie im Vergleich zu den 1990er Jahren erhöht, und die sozialen Unruhen und menschlichen Krisen, die sie ausgelöst haben, hallen immer noch nach. Insgesamt verursachten die höheren Lebensmittel- und Kraftstoffpreise den Verbrauchern in EntwicklungslĂ€ndern 2008 Mehrkosten in Höhe von rund 680 Milliarden US-Dollar, und weitere 130â155 Millionen Menschen sind in die Armut abgerutscht. Laut den GEP sollen die Ălpreise im nĂ€chsten Jahr bei durchschnittlich rund 75 US-Dollar je Barrel liegen, und fĂŒr die Lebensmittelpreise wird ein RĂŒckgang um 23 Prozent gegenĂŒber dem Jahresdurchschnitt 2008 erwartet. LĂ€ngerfristig betrachtet und trotz der Sorge, dass die jĂŒngsten Preisspitzen Vorboten kĂŒnftiger AngebotsengpĂ€sse sein könnten, kommt der Bericht zu dem Ergebnis, dass das Angebot die Nachfrage in den nĂ€chsten 20 Jahren mehr als decken sollte. âLĂ€ngerfristig dĂŒrften die AngebotsengpĂ€sse, die zum massiven Anstieg der Rohstoffpreise fĂŒhrten, nachlassenâ , sagt Andrew Burns, hauptverantwortlicher Verfasser des Berichts. âDie Nachfrage nach Energie, Metallen und Nahrungsmitteln sollte sich aufgrund des langsameren Bevölkerungswachstums abschwĂ€chen. Denn schlieĂlich dĂŒrfte auch die starke chinesische Nachfrage nach Metallen aufgrund der dort sinkenden Investitionen nachlassen.â Gleichwohl wird die Politik Investitionen in zusĂ€tzliche AngebotskapazitĂ€ten unterstĂŒtzen und ressourcenschonende und effizienzsteigernde MaĂnahmen fördern mĂŒssen, um Rohstoffangebot und -nachfrage im Gleichgewicht zu halten. Effizienzsteigerungen im Transportsektor (etwa durch Autos mit Hybrid-, Elektro- und eventuell Wasserstoffantrieb) werden besonders wichtig sein, da die Nachfrage nach neuen Pkw und Lkw in EntwicklungslĂ€ndern Prognosen zufolge fĂŒr drei Viertel des zusĂ€tzlichen Energiebedarfs bis 2030 verantwortlich sein wird. MaĂnahmen im Zusammenhang mit dem Klimawandel und anderen Umweltschutzthemen könnten ebenfalls die Nachfrage nach Kohlenwasserstoffen drosseln und zu langfristigen ProduktivitĂ€tssteigerungen im Agrarsektor fĂŒhren. Obgleich weltweit ein ausreichendes Angebot an Nahrungsmitteln prognostiziert wird, kann die Nahrungsmittelproduktion in LĂ€ndern mit starkem Bevölkerungswachstum (vor allem in Afrika) möglicherweise nicht mit der steigenden Nachfrage Schritt halten. Um eine zu starke AbhĂ€ngigkeit von Nahrungsmittelimporten zu verhindern, brauchen diese LĂ€nder Programme zur Steigerung der ProduktivitĂ€t in der Landwirtschaft, etwa zum Ausbau des lĂ€ndlichen StraĂennetzes, zur Ausweitung der Agrarforschung und -entwicklung und zur Intensivierung von Outreach-AktivitĂ€ten. Die stĂ€rkere Beeinflussung der Lebensmittelpreise durch die Ălpreise, die sich aus der Ausweitung der Herstellung von Biokraftstoffen aus Nahrungspflanzen ergab, dĂŒrfte weiterhin bestehen, sofern keine neuen Technologienâdarunter die Entwicklung von Nicht-Nahrungsmittelquellen fĂŒr die Herstellung von Biokraftstoffen und anderen EnergiealternativenâBiokraftstoffe aus Nahrungspflanzen unwirtschaftlich machen. Ein wichtiges Ergebnis des GEP ist, dass Rohstoffexporte das Wachstum anregen können, wenn die politischen Rahmenbedingungen stimmen. Die Verfasser stellen fest, dass rohstoffreiche LĂ€nder mit den hohen Mehreinnahmen durch den jĂŒngsten Boom umsichtiger und klĂŒger umgegangen sind als in der Vergangenheit, so dass sie den PreisrĂŒckgang besser verkraften sollten. LĂ€ndern mit neu entdeckten Rohstoffvorkommen und solchen, die in hohem MaĂe von Bankkrediten abhĂ€ngig sind, droht aber möglicherweise Gefahr. Denn bei niedrigeren Rohstoffpreisen sinken die Gewinne vieler Unternehmen, wĂ€hrend zugleich die ZinssĂ€tze höher sind, so dass ihnen deutlich höhere Kosten drohen, wenn Kredite fĂ€llig werden. Die meisten VerbraucherlĂ€nder bauten als Reaktion auf die höheren Lebensmittel- und Kraftstoffpreise die bestehenden sozialen Sicherungsnetze aus, um der FehlernĂ€hrung und deren Langzeitfolgen vorzubeugen. Regierungen wendeten bis zu 2 Prozent des BIP auf, um Programme aufzustocken. Da die Mittel aber nicht immer gezielt verwendet wurden, erreichten gerade einmal 20 Prozent der Mehrausgaben die Ărmsten. Der GEP empfiehlt mehrere MaĂnahmen, durch die das Risiko einer erneuten Lebensmittelpreiskrise gemindert werden könnte. Dazu zĂ€hlen eine Absage an Ausfuhrstopps, die Bereitstellung stabilerer Finanzierungsmittel fĂŒr Organisationen fĂŒr Nahrungsmittelhilfe und eine bessere Koordinierung sowie bessere Informationen ĂŒber die weltweiten NahrungsmittelvorrĂ€te.
|