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Nach der Krise?

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Robert B. Zoellick
PrÀsident
Weltbankgruppe

The Paul H. Nitze School of Advanced International Studies
der Johns Hopkins University

28. September 2009


Starke UmwĂ€lzungen lösen Schockwellen aus, die Risse in der politischen, wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Ordnung vergrĂ¶ĂŸern. Bisweilen gehen alte Ordnungen unter. Doch es kann in der Macht der FĂŒhrer und Völker liegen, die Richtung der VerĂ€nderung zu beeinflussen.

Heute gehen die meisten davon aus, dass Edmund Burke mit seinem Werk Reflections on the Revolution in France eine Revolution verurteilte, die bereits einen König und eine Königin hingerichtet und zu Staatsterror gefĂŒhrt hatte. Er veröffentlichte sein Werk jedoch im Jahr 1790, noch bevor das Rumpeln der Karren und das Geschrei der Menge vor der Guillotine in den gepflasterten Straßen von Paris widerhallten.

Das Jahr 1789 brachte starke UmwĂ€lzungen mit historischer Wirkung. Obgleich Burke kluge Warnungen aussprach, gingen die meisten seiner Zeitgenossen davon aus, dass Frankreich den „englischen Weg“ hin zu einer konstitutionellen Demokratie beschreiten wĂŒrde.

Momentane Ereignisse können ĂŒber lange Zeit hinweg nachhallen. Mehr als ein Jahrhundert spĂ€ter zu den Auswirkungen der Französischen Revolution befragt, antwortete Chinas Premierminister Zhou Enlai angeblich: „Das kann man heute noch nicht sagen.“

Dieses Jahr markiert den 20. Jahrestag der friedlichen Revolution von 1989. Die UmwĂ€lzungen in ganz Europa in jenem Jahr, die so ganz anders waren als jene im Jahr 1789, setzten dem Kalten Krieg ein Ende. Sie fĂŒhrten zur Öffnung der Berliner Mauer, brachten Mittel- und Osteuropa Freiheit, mĂŒndeten in der Wiedervereinigung eines demokratischen Deutschlands und der Einigung Europas, dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der Wiedergeburt Russlands. Auf viele wirkten diese stĂŒrmischen Ereignisse tatsĂ€chlich wie das „Ende der Geschichte“, wie es mein Freund und Ihr Professor Frank Fukuyama in seinem bekannten gleichnamigen Buch ausdrĂŒckte. Doch in der europĂ€ischen Geschichte wurden mit der Erweiterung zur heutigen EuropĂ€ischen Union, der Schaffung einer GemeinschaftswĂ€hrung und der Erweiterung des NATO-BĂŒndnisses neue Kapitel aufgeschlagen.

Die Blicke richteten sich in jener Zeit zwar in erster Linie auf Europa, doch auch in anderen Teilen der Welt wurde die Geschichte neu geschrieben: Die NAFTA fĂŒhrte zur grundlegenden Neuorientierung Mexikos, etwa hin zur Demokratie und einer potenziell stĂ€rkeren Integration in Nordamerika, die APEC verkĂŒndete einen neuen „offenen Regionalismus“, der ein aufstrebendes Ostasien nĂ€her an die Pazifikanrainer in Nord-, Mittel- und SĂŒdamerika rĂŒcken könnte, und militĂ€rische BĂŒndnispartner machten nach UN-Sanktionen den gewaltsamen Einmarsch Iraks nach Kuwait ungeschehen, was den Weg fĂŒr die Konferenz von Madrid freimachte, wo sich Israel und die arabischen Staaten am Verhandlungstisch Platz nahmen. Die Saat fĂŒr diese VerĂ€nderungen wurde von vorausschauenden FĂŒhrern ausgesĂ€t, die trotz aller UmwĂ€lzungen und sich verĂ€ndernden Trends auch Chancen sahen.

Die Erfahrungen, die ich damals—und seitdem—machte, bestĂ€rkten mich in dem GefĂŒhl, dass Ereignisse innerhalb eines Kontinuums geschehen. Wie Burke beobachtete, bestehen „Beziehungen nicht zur zwischen den Lebenden, sondern auch zwischen denen, die leben, denen, die tot sind, und jenen, die erst noch geboren werden.“

Die Ergebnisse sind nicht vorbestimmt. Sie sind abhÀngig von den Ereignissen wie auch von gezielten Handlungen.

Im Jahr 2009 durchleben wir eine weitere UmwÀlzung, die unsere Welt verÀndert. Welche Auswirkungen wird dies auf die Zukunft haben?

Die heutigen UmwĂ€lzungen kamen nicht aus dem Nichts. Die Saat wurde frĂŒher ausgelegt.

In den letzten 20 Jahren erlebte die Welt einen gewaltigen wirtschaftlichen Wandel. Der Zusammenbruch der Planwirtschaften in der Sowjetunion, Mittel- und Osteuropa, die Wirtschaftsreformen in China und Indien und die exportorientierten Wachstumsstrategien in Ostasien trugen allesamt zu einer weltweiten Marktwirtschaft bei, in der nach frĂŒher 1 Milliarde heute 4 oder 5 Milliarden Menschen leben. Dieser Wandel eröffnet immense Chancen. Doch er erschĂŒtterte auch ein internationales Wirtschaftssystem, das in der Mitte des 20. Jahrhunderts geschaffen wurde und in den seitdem abgelaufenen Jahrzehnten nur kleinere VerĂ€nderungen erfuhr.

Ein Teil der Saat, aus der die heutigen Probleme entstanden, waren die Reaktionen—oder die ausgebliebene Reaktion—auf die Finanzkrisen in den spĂ€ten 1990er Jahren. Nach der asiatischen Finanzkrise entschieden die EntwicklungslĂ€nder, dass sie nie wieder den StĂŒrmen der Globalisierung ausgesetzt sein wollten. Viele beschafften sich „Versicherungen“ durch Wechselkursmanagement und den Aufbau hoher WĂ€hrungsreserven. Einige dieser VerĂ€nderungen trugen zu Ungleichgewichten und Spannungen in der Weltwirtschaft bei, doch jahrelang wurstelten sich die Regierungen angesichts des allgemein guten Wachstums einfach durch.

Die Zentralbanken versĂ€umten es, gegen die Risiken anzugehen, die sich in der „New Economy“ aufbauten. Sie schienen den Auftrieb der Produktpreise in den 1980er Jahren im Griff zu haben, doch die meisten entschieden, dass es schwierig sei, Spekulationsblasen an den FinanzmĂ€rkten zu erkennen und mittels der Geldpolitik einzudĂ€mmen. Sie meinten, der Schaden fĂŒr die „Realwirtschaft“—ArbeitsplĂ€tze, Produktion, Ersparnisse und Konsum—könne beim Platzen der Blasen durch aggressive Zinssenkungen begrenzt werden. Wie sich zeigte, hatten sie sich getĂ€uscht.

Regulierer und Aufsichtsbehörden fĂŒr Finanzinstitute waren nicht mehr in der RealitĂ€t geerdet. Finanzinnovationen und der Wettbewerb sorgten dafĂŒr, dass auch solchen Unternehmen und Familien Leistungen angeboten wurden, die in der Vergangenheit hĂ€ufig abgewiesen worden waren. Doch die verlockend einfache Theorie von den „rationalen MĂ€rkten“ fĂŒhrte dazu, dass die Regulierer die RealitĂ€t in punkto Psychologie, Unternehmensverhalten und systemische Risiken sowie die KomplexitĂ€t von MĂ€rkten und Menschen aus den Augen verloren.

Wie in der Vergangenheit hat unser heutiges Handeln Einfluss auf die kĂŒnftigen Chancen und Herausforderungen.

Wir mĂŒssen die Lehren aus der Vergangenheit ziehen, ohne uns davon einengen zu lassen. Zu hĂ€ufig machen wir uns bereit, Krisen der Vergangenheit zu bewĂ€ltigen, anstatt uns fĂŒr die Krisen der Zukunft zu rĂŒsten. Doch eines ist sicher: Wir werden in unserem Leben weitere UmwĂ€lzungen erleben. Und die werden anders sein als die aktuelle.

Sie alle bei SAIS haben das große GlĂŒck, einen Beitrag leisten zu können, und werden es hoffentlich auch tun. Wenn Sie frĂŒhere Anstrengungen betrachten, fragen Sie sich vielleicht: Wie wird sich unsere Welt durch diese Krise verĂ€ndern?

Im Jahr 1944 nutzten die Delegierten in Bretton Woods die Gelegenheit, einer neuen globalen Übereinkunft Gestalt zu geben. In den drei Wochen in New Hampshire arbeiteten sie ein System von Regeln, Institutionen und Verfahren fĂŒr die finanziellen und wirtschaftlichen Beziehungen in der Weltwirtschaft aus.

Die Welt hat sich in den letzten 65 Jahren dramatisch verĂ€ndert—nicht zuletzt durch die UmwĂ€lzungen des Jahres 1989. Die gegenwĂ€rtigen Turbulenzen verĂ€ndern die Welt erneut.

Mögliche Verschiebungen in den Machtstrukturen, den Institutionen und der internationalen Kooperation sind bereits erkennbar. Die Verschiebungen werden teils davon abhĂ€ngen, wie sich die beteiligten Seiten an die neuen UmstĂ€nde anpassen, teils vom Tempo der Erholung, teils von VerĂ€nderungen bei der Frage, wer das weltweite Kapital, Technologien und ArbeitskrĂ€fte besitzt und wie sie eingesetzt werden, und teils schließlich auch davon, wie die LĂ€nder zusammenarbeiten—oder auch nicht. .


Wie wird die Machtstruktur nach dieser Krise wahrgenommen und wie ist sie wirklich?

Aktuell wird davon ausgegangen, dass die politische Ökonomie nach der Krise den wachsenden Einfluss Chinas, wahrscheinlich auch Indiens und anderer großer SchwellenlĂ€nder widerspiegeln wird. Die USA, das Epizentrum der Finanzkrise, werden vermutlich an wirtschaftlicher Macht und wirtschaftlichem Einfluss verlieren.

FĂŒr diese Ansicht gibt es gute GrĂŒnde. China hat mit Konjunkturprogrammen und geldpolitischen Anreizen entschlossen auf die Krise reagiert und scheint ĂŒber eine gut gefĂŒllte Geldschatulle fĂŒr diese ersten Schritte zu verfĂŒgen. China verzeichnet eine rasche Erholung, die auch anderen LĂ€ndern zugute kommt, was Chinas wachsenden Einfluss verdeutlicht.

TatsÀchlich ist China heute eine stabilisierende Kraft in der Weltwirtschaft. Gemeinsam haben China und Indien einen Anteil von 8,5 Prozent an der Weltproduktion. Sie und andere EntwicklungslÀnder wachsen deutlich schneller als die IndustrielÀnder.

Und doch ... steht Chinas Zukunft noch nicht fest. Die rasante Erholung im Jahr 2009 wurde in den ersten acht Monaten des Jahres von einem Anschwellen der Kreditvergabe um 26 Prozent des jĂ€hrlichen BIP genĂ€hrt. Diese Flut ebbt zwar allmĂ€hlich ab, und die Behörden dĂŒrften sie weiter eindĂ€mmen—aus Angst vor den Folgen fĂŒr die Preise und die QualitĂ€t von Vermögenswerten und mithin fĂŒr die allgemeine Inflation. China steht noch immer vor großen Ungewissheiten im Jahr 2010.

Die chinesische FĂŒhrung anerkennt diese Risiken, darunter die ungebrochene AbhĂ€ngigkeit Chinas und anderer SchwellenlĂ€nder vom exportgetriebenen Wachstum. Es wird fĂŒr China nicht einfach, den Übergang zu einer stĂ€rkeren Inlandsnachfrage und vor allem zu einem höheren Konsum zu schaffen, der zu einem ausgewogeneren Wachstum der Weltwirtschaft und zur Verwirklichung von Chinas Ziel einer „harmonischeren Gesellschaft“ beitragen könnte. Chinas protegierter Dienstleistungssektor, darunter Finanzdienstleistungen, begrenzt die Möglichkeiten fĂŒr Unternehmen und ProduktivitĂ€tssteigerungen.

Die USA wiederum wurden von der Krise hart getroffen. Doch Amerika verkraftet RĂŒckschlĂ€ge traditionell gut—es passt sich an die neuen UmstĂ€nde an und erfindet sich neu.

Die Zukunft der USA wird davon abhĂ€ngen, ob und wie sie gegen hohe Defizite vorgehen, sich ohne Inflation erholen, die sowohl die Kreditvergabe als auch die WĂ€hrung belasten könnte, und ihr Finanzsystem erneuern, sodass es seine Innovationskraft nicht verliert, zugleich aber an Sicherheit und SoliditĂ€t gewinnt. Die USA mĂŒssen auch den Menschen helfen, sich auf VerĂ€nderungen einzustellen, damit sie weiterhin ĂŒber ihren grĂ¶ĂŸten Trumpf verfĂŒgen: ihre Offenheit fĂŒr Handel, Investitionen, Menschen und Ideen. Geopolitiker werden auf Signale achten, ob Amerikas Wirtschaftsprobleme zu einer SchwĂ€chung des Vertrauens, der Energie und der Ressourcen der USA fĂŒhren, die eigenen Interessen weltweit in der Zusammenarbeit mit anderen zu schĂŒtzen.

Japan erlebt als erste fĂŒhrende Industriemacht politische UmwĂ€lzungen im Gefolge der Krise. Der Wahlsieg von Japans Demokratischer Partei könnte erstmals in der Geschichte des Landes zur Entstehung einer nachhaltigen Zwei-Parteien-Demokratie fĂŒhren.

Japan ging aus den TrĂŒmmern des Zweiten Weltkriegs als „Handelsstaat“ hervor, als Vorbild fĂŒr exportgefĂŒhrtes Wachstum. Es ist unklar, ob das alte exportorientierte Wachstumsmodell in einer „ausgewogeneren“ Weltwirtschaft, die nicht mehr so stark auf den US-Konsum baut, weiter Bestand haben kann. In dem alternden Japan werden die Konsumenten neue BedĂŒrfnisse haben. Eine Weltwirtschaft mit mehreren Wachstumspolen könnte Japan neue MĂ€rkte eröffnen, vor allem angesichts der beeindruckenden FĂ€higkeit des Landes, Energie effizient einzusetzen.

Die Welt wird sehr an der Gestalt einer japanischen Außenpolitik interessiert sein, die parteienĂŒbergreifend weiterverfolgt werden kann und neue Verantwortlichkeiten ĂŒbernehmen könnte. Eine solche Außenpolitik könnte auf Japans Erfahrungen im Entwicklungsbereich aufsetzen. Japan könnte die Zusammenarbeit mit anderen Akteuren aus dem Asien-Pazifikraum in der ASEAN, mit Australien, China und Korea vertiefen und weiterhin seine weltweiten Aufgaben erfĂŒllen, vor allem durch seine Beziehungen zu den USA. Entwicklungsmöglichkeiten in Afrika, Lateinamerika, Zentralasien und dem Nahen Osten wĂŒrden Japan außerdem ermöglichen, „sich gut zu entwickeln und gleichzeitig Gutes zu tun.“

Die EuropĂ€ische Union hat möglicherweise zu zögerlich anerkannt, dass diese Wirtschaftskrise die erste große Nagelprobe fĂŒr das Neue Europa war, das durch die Revolution im Jahr 1989 erst möglich wurde. Doch sie passte sich relativ schnell an, und europĂ€ische Institutionen könnten gestĂ€rkt daraus hervorgehen.

Die Volkswirtschaften in Mittel- und Osteuropa wurden von der Krise besonders hart getroffen. Und ihre Probleme sind lĂ€ngst nicht gelöst. Wenigstens fĂŒr die Mitglieder der EuropĂ€ischen Union war die UnterstĂŒtzung der EuropĂ€ischen Kommission, der EuropĂ€ischen Bank fĂŒr Wiederaufbau und Entwicklung und der EuropĂ€ischen Investitionsbank—mit UnterstĂŒtzung der Weltbankgruppe—allerdings ĂŒberaus wichtig. Es scheint, dass die europĂ€ischen Banken, die in mittel- und osteuropĂ€ischen NachbarlĂ€nder investierten, daran auch festhalten werden. Die gute Nachricht aus strategischer Sicht ist, dass die europĂ€ischen LĂ€nder trotz aller ihrer internen Debatten und Verhandlungen erkannt haben, dass sie voneinander abhĂ€ngig sind. Auch unter Belastung brach Europa—dieses Mal—nicht auseinander.

Die EuropĂ€ische Zentralbank unter der fĂ€higen FĂŒhrung ihres PrĂ€sidenten Jean-Claude Trichet spielte eine entscheidende Rolle. Die EZB wanderte auf einem schmalen Grat, als sie einerseits das europĂ€ische Finanzsystem stĂŒtzte und sogar EuropĂ€ern außerhalb der Eurozone half und andererseits die GlaubwĂŒrdigkeit des Euro sicherstellte. Daher könnten neuere EU-Mitglieder außerhalb der Eurozone durchaus anstreben, in den Genuss dieser Sicherheit zu gelangen.

Doch angesichts der wirtschaftlich schwierigeren Zeiten muss sich die EuropĂ€ische Union einigen Ungewissheiten stellen. Ihre EnergieabhĂ€ngigkeit nĂ€hrt Sorgen und belastet die ohnehin schwierigen Beziehungen zu ihren östlichen Nachbarn, vor allem zur Ukraine und zu Russland. Auf dem Balkan schwelt es weiterhin, und Unaufmerksamkeit in Sachen Bosnien könnte wieder Zweifel an der FĂ€higkeit der EU, selbst auf ihrem eigenen Kontinent Sicherheit zu bieten, aufkommen lassen. Die EU und die TĂŒrkei mĂŒssen noch einen Konsens ĂŒber ihre gemeinsame Zukunft erreichen. Im Zuge der Bevölkerungsalterung wird Europa außerdem mit der Integration von Einwanderern zu kĂ€mpfen haben.

SĂŒdostasien erhĂ€lt von der Krise möglicherweise ebenfalls Auftrieb—je nachdem, wie Chancen genutzt werden. Die Region liegt geografisch an der Schnittstelle zwischen Indien und China, zwei aufstrebenden MĂ€chten. Die ASEAN scheint die Chance erkannt zu haben und hat Maßnahmen ergriffen, um die eigene Integration zu verbessern, streckt ihre Hand zugleich aber nach anderen aus.

Angesichts des großen Gewichts Indonesiens und des wachsenden Einflusses Vietnams entwickelten sich diese beiden LĂ€nder trotz der wirtschaftlichen Turbulenzen—ganz anders als noch vor rund zehn Jahren—sehr solide. Doch hinter der Anpassung und dem politischen Umbruch in LĂ€ndern wie Thailand und Malaysia stehen nach wie vor Fragezeichen. Fraglich ist auch, ob andere den Aufstieg der ASEAN-LĂ€nder anerkennen werden. China und Indien scheinen es zu tun—aber Nordamerika und die EuropĂ€ische Union auch?

FĂŒr andere könnten die langfristigen Auswirkungen der Krise von den Rohstoffpreisen, vor allem vom Ölpreis, abhĂ€ngen, die in den letzten Jahren krĂ€ftig zulegten. Bei einem Ölpreis von 100 US-Dollar geht es diesen LĂ€ndern gut. Bei einem Ölpreis von 30 US-Dollar geraten die meisten dagegen in große Schwierigkeiten. Diese Öl- und RohstoffabhĂ€ngigkeit ist eine bedenkliche Basis fĂŒr eine Volkswirtschaft in einer Welt, die sich darum bemĂŒht, ihre AbhĂ€ngigkeit von fossilen Brennstoffen zu verringern, und in der die Rohstoffpreise Kapriolen schlagen, wenn diese „Anlageklasse“ zum Spielball von Spekulanten wird. Werden die LĂ€nder diese Einnahmen klug verwenden—zur Diversifizierung und fĂŒr eine breiter aufgestellte wirtschaftliche Entwicklung? Mit diesen Fragen mĂŒssen sich Russland, die Golfstaaten und einige LĂ€nder in Lateinamerika und Afrika beschĂ€ftigen.

Die sich wandelnden Machtstrukturen zu begreifen ist entscheidend, um die Zukunft zu gestalten—die Delegierten in Bretton Woods wussten das. Die politische Basis fĂŒr jenes System entstand aus der gemeinsamen Erfahrung, dass es nach dem Ersten Weltkrieg an Verantwortungsbewusstsein fehlte, und der grĂŒndlichen Beurteilung des MachgefĂŒges nach dem Zweiten Weltkrieg. Ändert man diese Machtstrukturen—und die Natur der MĂ€rkte, die sie verbinden—scheint das System aus den Fugen zu geraten. Betrachten wir ein paar Beispiele:

Wird der US-Dollar die HauptreservewÀhrung bleiben?

Das WĂ€hrungssystem von Bretton Woods ebnete den Weg zur Freigabe der Wechselkurse mit dem US-Dollar als HauptreservewĂ€hrung der Welt. Trotz aller Bedenken bezĂŒglich der ZuverlĂ€ssigkeit des US-Dollar als ReservewĂ€hrung wertete er wĂ€hrend der Krise auf, da er Anlegern einen sicheren Hafen bot.

Die USA sind in der unglaublich glĂŒcklichen Lage, dass der US-Dollar diesen Sonderstatus genießt. Wenn ich mit LĂ€ndern zu tun habe, die MĂŒhe haben, ihren Haushalt zu decken oder Handelsdefizite zu finanzieren, muss ich stets daran denken, dass die Amerikaner nicht einen Augenblick ĂŒber den großen Vorteil nachdenken, Anleihen ausgeben und nach eigenem GutdĂŒnken Geld drucken zu können.. Die Geschichte der Napoleonischen Kriege berichtet von großen FeldzĂŒgen und Schlachten. Dass Britannien und seine BĂŒndnispartner letztlich siegten, war allerdings der Wiederherstellung seiner KreditwĂŒrdigkeit durch Pitt zu verdanken—einem trockenen Kapitel der Geschichte.

Es wĂ€re aber ein Fehler, wenn die USA den Status des US-Dollar als weltweit wichtigste ReservewĂ€hrung als selbstverstĂ€ndlich betrachten wĂŒrden. In Zukunft wird es immer mehr Alternativen zum US-Dollar geben.

Angesichts der jĂŒngsten Erfolge der EZB spricht einiges dafĂŒr, dass die Akzeptanz des Euro wachsen könnte. Der Einfluss des Euro wird zum Teil von der WettbewerbsfĂ€higkeit der LĂ€nder der EuropĂ€ischen Union in den nĂ€chsten Jahren sowie von der Tiefe und LiquiditĂ€t ihrer FinanzmĂ€rkte abhĂ€ngen. Auch auf die demografische Entwicklung und die Wachstumsaussichten kommt es an. Doch eine Finanzierung in Euro ist bei einer SchwĂ€che des US-Dollar eine gute Alternative.

DarĂŒber hinaus bewegt sich China auf eine allmĂ€hliche Internationalisierung seiner WĂ€hrung zu. China erleichtert seinen Handelspartnern die Abwicklung von GeschĂ€ften in Renminbi—zum Beispiel durch WĂ€hrungsswaps. Auch im Investmentbereich dĂŒrften wir diesen Wandel beobachten: In diesem Monat gab China erstmals Staatsanleihen in Renminbi an auslĂ€ndische Anleger aus. China gab vor kurzem bekannt, dass auslĂ€ndische Unternehmen eine Notierung ihrer Aktien in China anstreben können—ein Schritt, um Schanghai zu einem internationalen Finanzzentrum aufzubauen. Da China ein bedeutender Rohstoffimporteur ist, ist vorstellbar, dass in Schanghai oder anderen chinesischen HafenstĂ€dten neue Referenzindizes geschaffen werden, letztlich in Renminbi.

Die chinesischen FĂŒhrungspersönlichkeiten werden vorsichtig sein. Die meisten wollen die Kontrolle behalten, die ein nicht offener Kapitalverkehr bietet. An den Finanz- und BankenmĂ€rkten dĂŒrften weiterhin verschiedene Instrumente zur Intervention und Kontrolle zum Einsatz kommen. Dennoch erwarte ich, dass China sich zwangslĂ€ufig öffnen muss und wird. Über einen Zeitraum von 10 bis 20 Jahren wird der Renminbi zu einer wichtigen Kraft an den FinanzmĂ€rkten avancieren.

LÀnder und MÀrkte werden möglicherweise auch mit Finanzierungen in Sonderziehungsrechten (SZR) experimentieren, bei denen es sich um einen Korb aus wichtigen WÀhrungen handelt.

NatĂŒrlich ist und bleibt der US-Dollar eine fĂŒhrende WĂ€hrung. Doch die Geschicke des Greenback werden in hohem Maße davon abhĂ€ngen, welche Entscheidungen die USA treffen. Werden sie ihr Schuldenproblem lösen und dabei auf Inflation verzichten? Können die USA in punkto Ausgabenverhalten und Haushaltsdefizit langfristig Disziplin zeigen? Stellt das Land in seinem Finanzsektor ein gesundes VerstĂ€ndnis fĂŒr Innovationen, LiquiditĂ€t und Renditen wieder her, ohne erneut das Risiko riesiger Blasen und eines institutionellen Zusammenbruchs heraufzubeschwören? Der Wert des US-Dollar wird auch davon abhĂ€ngen, inwieweit wir das Comeback einer dynamischen, innovativen Privatwirtschaft erleben.

Machtstrukturen werden auch innerhalb der LĂ€nder in Frage gestellt. Die Zentralbanken haben bei dieser Krise eine wichtige Rolle gespielt.

Werden demokratische Regierungen unabhĂ€ngigen Zentralbanken gestatten, noch mehr Befugnisse zu ĂŒbernehmen?

Der US-Kongress stellte mit Erstaunen fest, ĂŒber wie umfassende Befugnisse die US-Notenbank verfĂŒgt, neues Geld zu drucken, Vermögenswerte zu kaufen, globale Swap-Linien einzurichten und Transaktionen abseits des ĂŒblichen Prozesses fĂŒr die Verwendung öffentlicher Gelder durchzufĂŒhren.

Der Kongress hat seit Alexander Hamilton ein nicht ganz entspanntes VerhĂ€ltnis zu Banken und Bankern. Erst im Jahr rangen sich die USA zur GrĂŒndung einer Zentralbank durch. Die US-Notenbank verdiente sich nach jahrelangen BemĂŒhungen ihre hart erkĂ€mpfte UnabhĂ€ngigkeit.

Es sollte daher nicht ĂŒberraschen, dass die amerikanische Demokratie zögert, der US-Notenbank die Befugnis zu erteilen, die Aufsicht ĂŒber systemische Bankrisiken auszuĂŒben und zugleich die Geldpolitik zu lenken, was ihre Macht vergrĂ¶ĂŸert.

Im Vereinigten Königreich ist eine Debatte ĂŒber die Rolle der Bank of England und der Financial Services Authority entbrannt. Die LĂ€nder der Eurozone stehen ebenfalls vor diesem Problem, wobei die Existenz mehrerer nationaler Aufsichtsbehörden die Angelegenheit hier noch etwas komplizierter gestaltet. Auch fĂŒr aufstrebende EntwicklungslĂ€nder mit zunehmend entwickelten Banken- und FinanzmĂ€rkten ist das ein Thema.

Die Zentralbanken leisteten Erstaunliches, als die Krise mit voller Wucht zuschlug. Doch es gibt berechtigte Fragen, wie sie mit der Entstehung umgingen, etwa mit dem Anstieg der Anlagenpreise und den bedeutenden Aufsichtsfehlern. Ob die Zentralbanken die Erholung bewerkstelligen könnten, ohne dass die Inflation außer Kontrolle gerĂ€t, wird sich erst noch zeigen mĂŒssen.

Stanley Fischer, Gouverneur der israelischen Zentralbank und ehemaliger stellvertretender Direktor des IWF, spricht sich dafĂŒr aus, die Instrumente der Geldpolitik mit umsichtigen Aufsichtsstandards in der Zentralbank, ausgehend von der EffektivitĂ€t der Organisation, zu kombinieren. Andere halten dagegen, eine Aufgabe wĂŒrde zwangslĂ€ufig stiefmĂŒtterlich behandelt oder dass das Fehlerrisiko wĂŒrde mangels einer zweiten Meinung steigen, wenn eine Behörde fĂŒr beides zustĂ€ndig ist. Manche sehen sogar einen Interessenkonflikt.

Diese Debatte wird unterschiedliche politische Traditionen und Einstellungen gegenĂŒber Banken und Zentralbanken widerspiegeln. In den USA wird es schwierig sein, die unabhĂ€ngigen, mĂ€chtigen Technokraten bei der US-Notenbank mit noch mehr Befugnissen auszustatten. Ich deute das Krisenmanagement in letzter Zeit so, dass das US-Finanzministerium mehr Befugnisse brauchte, um eine Schar verschiedener Regulierer um sich zu versammeln. DarĂŒber hinaus ist das Finanzministerium eine Stelle der Exekutive, sodass der Kongress und die Öffentlichkeit direkter ĂŒberwachen können, wie es zusĂ€tzliche Befugnisse nutzt.

Ein weiteres VermĂ€chtnis der Architekten von Bretton Woods—unser Welthandelssystem.

HĂ€lt es mit den AnsprĂŒchen der Weltwirtschaft Schritt?

Die Antwort ist ein unmissverstĂ€ndliches „Nein“.

Positiv ist, dass die meisten Regierungen angesichts der katastrophalen Erfahrungen mit dem wirtschaftlichen Isolationismus der 1930er Jahre vorsichtig geworden sind, um nicht zu riskieren, dass sich Ähnliches wiederholt. Bislang ist der traditionelle Handelsprotektionismus nur ein leichtes Fieber. Doch die Temperatur steigt.

Die politische Ökonomie des Handels wird von der „Fahrrad-Theorie“ verkörpert: Angesichts des lokalen Einflusses protektionistischer Produzenten in den meisten LĂ€ndern kann ihrer erdrĂŒckenden Macht nur mit einer Agenda zur Liberalisierung des Handels begegnet werden. Der potenzielle Nutzen einer Marktöffnung kann sodann Interessen mobilisieren, die sich den Rufen nach HandelsbeschrĂ€nkungen entgegenstellen.

GegenwĂ€rtig ist die Doha-Runde der WTO praktisch zum Stillstand gekommen. Und da die Agenda vor nunmehr fast einem Jahrzehnt entwickelt wurde, gerĂ€t die Doha-Runde außerdem angesichts der neuen Herausforderungen rasch ins Hintertreffen. Wir sollten die Doha-Runde zĂŒgig zum Abschluss bringen—und dann nach vorn blicken.

Bei der Doha-Runde könnten Agrarsubventionen gekĂŒrzt, begrenzt und sogar abgeschafft werden, die jahrelang aus dem regelbasierten Handelssystem herausgehalten wurden. Die MĂ€rkte in den Industrie- und fĂŒhrenden EntwicklungslĂ€ndern könnten behutsam fĂŒr industrielle Produkte und Agrarerzeugnisse geöffnet werden. BeschrĂ€nkungen in fĂŒhrenden EntwicklungslĂ€ndern könnten auf deutlich tieferen Niveaus „festgezurrt“ werden, was das GefĂŒhl eines gegenseitigen Beitrags fördert und das Risiko starker SprĂŒnge bei den Zolltarifen begrenzt. Die Doha-Runde könnte außerdem die DienstleistungsmĂ€rkte öffnen und die Spitzenzölle in IndustrielĂ€nder drĂŒcken, die die Produktion von Basis- und Mehrwerterzeugnissen in Ă€rmeren LĂ€ndern begrenzen. Die Runde könnte Regeln nachbessern, die zu freimĂŒtig dazu verwendet wurden, den Handel zu beschrĂ€nken. Das wĂ€re ein echter Gewinn und wĂŒrde zeigen, dass die Industrie- und die fĂŒhrenden SchwellenlĂ€nder in der Lage sind, Kompromisse einzugehen und ein gemeinsames systemisches Interesse zu verfolgen.

Sobald die Doha-Runde zum Abschluss gebracht ist, mĂŒssen wir zĂŒgig zu einer neuen Agenda ĂŒbergehen. Die regionale Integration ist Teil der Globalisierung, doch wir brauchen Regeln, die es LĂ€ndern ermöglichen, von den Vorteilen einer stĂ€rkeren, umfassenderen Liberalisierung gegenĂŒber anderen zu profitieren, und zugleich einen offenen Regionalismus fördern. Die WTO muss die Agenda zum Klimawandel unterstĂŒtzen und dabei auf Klimazölle verzichten. Wir brauchen Maßnahmen gegen den Finanz- und Subventionsprotektionismus, der aus der Krise entstand. Wir brauchen niedrigere HĂŒrden fĂŒr den SĂŒd-SĂŒd-Handel. Der Dienstleistungsverkehr muss zunehmen, um die Entwicklungs- und Wachstumsmöglichkeiten zu nutzen. Wir brauchen mehr Hilfe fĂŒr die Ă€rmsten LĂ€nder, die bislang die aus dem Handel resultierenden Wachstumsmöglichkeiten weniger gut nutzen konnten.

Die neue Agenda muss auf die von der Weltbankgruppe unterstĂŒtzten frĂŒhen Anstrengungen des WTO-Generaldirektors Pascal Lamy aufbauen, um Handelserleichterungen mit Hilfen fĂŒr den Handel zu verbinden. Um von geringeren Handelshemmnissen zu profitieren, brauchen Ă€rmere LĂ€nder: die regionale Integration zur Schaffung grĂ¶ĂŸerer MĂ€rkte und Verbesserung des Marktzugangs fĂŒr LĂ€nder ohne Meeresanbindung, Energie, Infrastruktur, Logistiksysteme, problemlosen Zugang zu Finanzierungsmitteln fĂŒr den Handel, UnterstĂŒtzung bei Standards sowie rationelle Verfahren fĂŒr Zollabfertigung und GrenzĂŒbergang. Die Lkw-Abfertigung an der Grenze zwischen Kenia und Uganda dauerte gewöhnlich zwei Tage. Durch die von der Weltbank geförderte Einrichtung eines einzigen Grenzpostens fĂŒr die gesamte Abfertigung wurde die Transferzeit auf zwei Stunden oder weniger verkĂŒrzt.

Das System von Bretton Woods wurde von 44 LĂ€ndern in einer Zeit entwickelt, als sich die Macht auf eine kleine Zahl von LĂ€ndern konzentrierte. Die große Dekolonisierungswelle schwoll gerade erst an, und die wenigen EntwicklungslĂ€nder wurden als Objekte, nicht Subjekte der Geschichte betrachtet. Das ist lange vorbei. Die neue RealitĂ€t der politischen Ökonomie verlangen ein anderes System.

Welche Rolle werden die EntwicklungslÀnder nach der Krise spielen?

Die Krise hat deutlich gemacht, dass die großen SchwellenlĂ€nder, vor allem China und Indien, aber auch andere, zunehmend an Bedeutung gewinnen. Die Weltwirtschaft wird praktisch auf ein „neues Gleichgewicht“ mit den relativen Gewichtungen wie vor rund zweihundert Jahren, vor der industriellen Revolution, eingestellt. Hinzugekommen ist dabei ein neues Nordamerika.

Die aufstrebenden EntwicklungslĂ€nder sollten bei der Erholung eine zentrale Rolle spielen. Die meisten Prognosen gehen davon aus, dass die Nachfrage wegen der KonsumzurĂŒckhaltung in den USA schwach sein wird. Viele EntwicklungslĂ€nder könnten die Nachfrage steigern, wenn sie Zugang zu Finanzierungsmitteln erhielten. Aufgrund ihrer Staatsfinanzen haben sie Spielraum fĂŒr Kreditaufnahmen, können aber nicht so viele Kredite, wie sie brauchen wĂŒrden, zu angemessenen Preisen erlangen, ohne ihren privaten Sektor zu verdrĂ€ngen. DarĂŒber hinaus leben in den MitteleinkommenslĂ€ndern 70 Prozent der in extremer Armut lebenden Weltbevölkerung. Die Weltbankgruppe und die regionalen Entwicklungsbanken können helfen.

In Zukunft wĂŒrde ein ausgewogeneres, inklusiveres Wachstumsmodell fĂŒr die Welt von mehreren Wachstumspolen profitieren. Mit Investitionen in die Infrastruktur, die Menschen und private Unternehmen könnten LĂ€nder in Lateinamerika, Asien und dem Nahen Osten zu einer „neuen NormalitĂ€t“ fĂŒr die Weltwirtschaft beitragen.

Mit der Zeit kann auch Afrika zu einem Wachstumspol werden. In den meisten afrikanischen LĂ€ndern höre ich dasselbe: Afrikaner wollen Energie, Infrastruktur, eine produktivere Landwirtschaft, einen dynamischen Privatsektor und regional integrierte MĂ€rkte mit offenem Handel. Das Gleiche hörte man möglicherweise auch, als Europa vor 60 Jahren in TrĂŒmmern lag.

Vor der Krise erzielten mehrere afrikanische LĂ€nder bestĂ€ndig hohe Wachstumsraten. Nach ĂŒberwundener Krise könnten sich neue Möglichkeiten bieten. Einige chinesische Produktionsunternehmen denken—unterstĂŒtzt vom Staat—darĂŒber nach, ihre Produktion von Basiserzeugnissen nach Afrika zu verlegen. Die Weltbankgruppe prĂŒft gemeinsam mit China die Entwicklung neuer Industriezonen, welche die Anforderungen dieser Unternehmungen an die Infrastruktur, die Energieversorgung und an qualifizierte ArbeitskrĂ€ften erfĂŒllen.

Zu Chinas Vorhaben in Afrika—die auch Ressourcenentwicklung und Infrastruktur beinhalten—dĂŒrften weitere hinzukommen. Brasilien zeigt Interesse, seine Erfahrungen mit der Agrarentwicklung zu teilen. Indien baut Eisenbahnen. Das sind die AnfĂ€nge eines Trends, der sich verstĂ€rken wird.

Die Weltbankgruppe kann mit der weltweiten Förderung dieser Entwicklung ein Gegengewicht zum Finanz- und Handelsprotektionismus schaffen. Wir haben ĂŒber die IFC, unsere Organisation fĂŒr den Privatsektor, die neue Asset Management Corporation gegrĂŒndet, die Mittel fĂŒr Banken, Eigenkapital, Infrastruktur und Umschuldungen bereitstellt. Zugleich unterstĂŒtzen wir und investieren in die Entwicklung der MĂ€rkte fĂŒr Anleihen in LandeswĂ€hrungen. LĂ€ngerfristig orientierte Anleger—etwa staatliche und Pensionsfonds—haben mittlerweile erkannt, dass auch IndustrielĂ€nder Risiken bergen und EntwicklungslĂ€nder gute Wachstumsperspektiven bieten können.


Schlussfolgerung
Nach ĂŒberwundener Krise haben wir die Chance, unsere Politik, die Architektur und die Institutionen umzugestalten. Wir haben die Chance zur Entwicklung eines globalen Systems fĂŒr ein 21. Jahrhundert der „verantwortungsbewussten Globalisierung“—einer Globalisierung, die ein ausgewogenes weltweites Wachstum und finanzielle StabilitĂ€t fördern, dem Klimawandel mit weltweiten Initiativen begegnen und die Möglichkeiten fĂŒr die Ärmsten verbessern wĂŒrde. Das bedeutet, den Nutzen der Markt- und Handelsöffnung sowie von Investitionen, Wettbewerb, Innovationen, Wachstum und Diskussionen ĂŒber Ideen zu vergrĂ¶ĂŸern. Diese Globalisierung muss sowohl inklusiv als auch nachhaltig sein—und mehr Möglichkeiten mit RĂŒcksicht auf die Umwelt schaffen.

Doch das wird nicht von selbst geschehen.

Beim G20-Gipfel in London im April, standen die Staats- und Regierungschefs am wirtschaftlichen Abgrund. Die Gefahr heute ist weniger ein ungebremster Absturz als vielmehr SelbstgefĂ€lligkeit. Wenn die Krise nachlĂ€sst, droht es schwieriger zu werden, die LĂ€nder dazu anzuhalten, am „Wiederaufbau zum Besseren“ mitzuwirken. Die PrĂŒfung eines neuen Rahmenwerks fĂŒr krĂ€ftiges, nachhaltiges und ausgewogenes Wachstum, das letzte Woche beim G20-Gipfel vereinbart wurde, ist ein guter Anfang. Dazu bedarf es jedoch einer stĂ€rkeren internationalen Kooperation und Koordination als bislang und einer neuen Bereitschaft, die Ergebnisse der weltweiten ÜberprĂŒfung auch ernst zu nehmen. Die PrĂŒfung muss auch Druck bedeuten.

Der Klimawandel ist dabei ein erster Test. Die zentrale Aufgabe in Kopenhagen im Dezember wird es sein, Anreize fĂŒr EntwicklungslĂ€nder zu schaffen, sich an der CO2-Minderung zu beteiligen. Die EntscheidungstrĂ€ger werden einen laufenden Prozess festlegen mĂŒssen, der den Ausstoß von Treibhausgasen reduziert und zugleich den technologischen Wandel, Anpassung und Wachstum fördert.

Wir brauchen ein System der internationalen politischen Ökonomie, das die MultipolaritĂ€t des Wachstums widerspiegelt. Es muss aufstrebende WirtschaftsmĂ€chte als „verantwortungsbewusste Stakeholder“ einbinden und zugleich anerkennen, dass in diesen LĂ€ndern noch immer Hunderte Millionen Arme leben und große entwicklungspolitische Herausforderungen zu meistern sind. Es muss sich die Energie und UnterstĂŒtzung der IndustrielĂ€nder sichern, in denen die Öffentlichkeit die hohe Schuldenlast und WettbewerbsĂ€ngste spĂŒrt und der Ansicht ist, dass die neuen MĂ€chte ebenfalls Verantwortung ĂŒbernehmen mĂŒssen. Es muss dazu beitragen, den Ă€rmsten und schwĂ€chsten LĂ€ndern, den 1,6 Milliarden Menschen, die noch immer ohne ElektrizitĂ€t leben, und der „unteren Milliarde“, die infolge von Konflikten und einer fehlgeschlagenen RegierungsfĂŒhrung in der Armut gefangen sind, die Hand zu reichen.

Weltweite Finanzen und WĂ€hrungen. Das Handelssystem. Eine inklusive und nachhaltige Entwicklung. Klimawandel. Staaten, die mit LabilitĂ€t und Konflikten zu kĂ€mpfen haben. Und eine Unmenge anderer Sicherheitsprobleme. Jedes Problem fĂŒr sich genommen ist wichtig. Doch jedes hĂ€ngt auch mit den anderen zusammen.

Die LĂ€nder der Welt werden bei dieser Agenda nur dann effektiv vorankommen, wenn sie kooperieren. Der wirtschaftliche Multilateralismus frĂŒherer Tage wird den heutigen RealitĂ€ten nicht gerecht. Wir mĂŒssen den Multilateralismus und die MĂ€rkte modernisieren.

Wie in der vergangenen Woche in Pittsburgh vereinbart, sollten die G20 das vorrangige Forum fĂŒr internationale wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen den IndustrielĂ€ndern und den aufstrebenden MĂ€chten sein. Doch die G20 können kein von anderen losgelöstes Forum sein. Ebenso wenig dĂŒrfen die mehr als 160 LĂ€nder, die ihr nicht angehören, ungehört bleiben.

Die G20 sollte als „Lenkungsgruppe“ ĂŒber ein Netzwerk von LĂ€ndern und internationalen Institutionen operieren. Sie könnten die Verflechtungen zwischen den Problemen anerkennen und Punkte von gemeinsamem Interesse fördern. Das System kann kein hierarchisches und sollte auch nicht bĂŒrokratisch sein. Einmal angestoßen, könnten die Themen ĂŒber andere Verhandlungsgruppen, internationale Regelwerke oder globale und regionale Institutionen weiterverfolgt werden. Der IWF, die Weltbankgruppe, die WTO, das Financial Stability Board und UN-Organisationen könnten LĂ€nder auf Probleme aufmerksam machen, Analysen anbieten, kooperative Lösungen entwickeln und bei der Umsetzung politischer Maßnahmen helfen.

Um wirksam zu sein und um ihre LegitimitĂ€t zu bekrĂ€ftigen, mĂŒssen sich auch die internationalen Institutionen weiterentwickeln. Ihre Stimmrechte sollten das Gewicht und die neuen Verantwortlichkeiten der aufstrebenden MĂ€chte widerspiegeln und ein Mitspracherecht fĂŒr die Armen gewĂ€hrleisten. Sie brauchen Transparenz und AgilitĂ€t fĂŒr die Arbeit innerhalb von Netzwerken aus privaten Unternehmen, Stiftungen und Zivilgesellschaften wie auch miteinander.

Die alte internationale Wirtschaftsordnung hatte bereits vor der Krise MĂŒhe, mit den VerĂ€nderungen Schritt zu halten. Die derzeitigen UmwĂ€lzungen offenbarten die großen LĂŒcken und drĂ€ngenden BedĂŒrfnisse. Es ist an der Zeit, dass wir aufholen und voranschreiten.

Die Frage lautet, ob die FĂŒhrungspersönlichkeiten zusammenarbeiten können, um die VerĂ€nderungen zu steuern. Sie werden dazu neigen, die Interessen der von ihnen vertretenen Öffentlichkeit ihres Landes zu wahren, was auch ihre Aufgabe ist. Doch sie werden auch gehalten sein, gemeinsame Interessen anzuerkennen und zu entwickeln—und zwar nicht von Fall zu Fall, sondern durch Institutionen, die eine „verantwortungsbewusste Globalisierung“ reflektieren.

Bretton Woods wird vor unseren Augen generalĂŒberholt. Dieses Mal wird es lĂ€nger dauern als drei Wochen wie damals in New Hampshire. Es werden mehr Seiten daran beteiligt sein. Doch notwendig ist es auf jeden Fall. Die nĂ€chsten UmwĂ€lzungen, welcher Art sie auch sein mögen, sind bereits in der Entstehung. Entweder wir nehmen Einfluss auf sie oder wir ergeben uns ihnen.






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