Rede von James D. Wolfensohn, Präsident der Weltbank-Gruppe, vor dem Gouverneursrat der Weltbank-Gruppe bei der gemeinsamen Jahrestagung 23 September 2003 |
EIN NEUES GLOBALES GLEICHGEWICHT Führungskraft als Herausforderung Königliche Hoheit, Herr Vorsitzender, sehr geehrte Gouverneure, sehr verehrte Gäste, Es ist mir eine große Freude, Sie hier in Dubai, dieser bemerkenswerten Stadt, zur Jahrestagung von Weltbank und IWF begrüßen zu dürfen. Der Regierung und den Menschen der Vereinigten Arabischen Emirate möchte ich für den herzlichen Empfang und die Gastfreundschaft, die hervorragende Vorbereitung - man betrachte nur diesen außerordentlichen Saal - und ihr Engagement für eine erfolgreiche Jahrestagung herzlich danken. Vielen Dank, Herr Vorsitzender Villiger, für Ihre freundlichen Worte und dafür, dass Sie den Vorsitz bei diesen Tagungen übernehmen. Ferner möchte ich mich bei meinem Freund Horst Köhler und unseren Kollegen vom IWF für ein weiteres Jahr der engen und wirkungsvollen partnerschaftlichen Zusammenarbeit bedanken. Die Region und die Welt Die Jahrestagung findet erstmals im Nahen Osten statt - und das in einem sehr wichtigen Augenblick. Die Augen der Welt sind auf diese Region gerichtet. Und auf uns. Wir, das heißt 184 Nationen, kommen zusammen in der Verantwortung, Führungskraft zu demonstrieren - und eine klare Marschroute für die Entwicklungspolitik und den Frieden festzulegen. Die diesjährige Sitzung wird von Konflikten und Verlusten überschattet. Der Schrecken des Anschlags auf das UN-Gebäude in Bagdad ist uns noch frisch im Gedächtnis - und der gestrige Anschlag hat uns noch einmal daran erinnert. Wir trauern um Sergio de Mello, einen herausragenden Menschenfreund, der sein Leben der Entwicklungspolitik gewidmet hat und mit dem wir in zahlreichen, konfliktgeschüttelten Ländern eng zusammengearbeitet haben. Wir trauern auch um unsere Weltbank-Kollegin Dr. Alya Sousa, die Opfer des Terrorismus geworden ist. Sie war eine engagierte Expertin, der die Sicherheit ihrer Mitarbeiter ganz besonders am Herzen lag. Sie war eine herausragende Persönlichkeit. Nur wenige Tage vor dem Anschlag war ich mit beiden zusammengetroffen. Ebenso wie Ihres gilt auch mein Mitgefühl den Angehörigen all jener, die bei dem Anschlag getötet und verletzt wurden. Es stimmt traurig, erleben zu müssen, dass Menschen, die Frieden stiften, zu Angriffszielen werden. Zu Ehren von Sergio, Alya und allen anderen, die ihr Leben ließen, werden wir ihre Arbeit fortsetzen. Ich kann Ihnen versichern, dass die Weltbank alles daran setzt, dem irakischen Volk zu helfen - genauso wie wir uns bemüht haben, den Menschen in Afghanistan, Bosnien-Herzegowina, im Kosovo, in Timor-Leste sowie im Westjordanland und dem Gaza-Streifen zu helfen. Ein Ergebnis unserer Bemühungen ist die Bedarfsanalyse, die wir mit unseren Kollegen von IWF und UNO im kommenden Monat in Madrid den Gebern vorlegen werden. Wir freuen uns darauf, uns in den nächsten Jahren am Prozess des Wiederaufbaus zu beteiligen. Seit mehr als einem halben Jahrhundert engagiert sich die Weltbank in dieser Region. Unseren ersten Kredit vergaben wir im Jahr 1950 - in der Tat - an den Irak für den Hochwasserschutz an Euphrat und Tigris. Die Projekte, die wir heute unterstützen, verfolgen Ziele wie die Finanzierung des Wohnungsbaus für Einkommensschwache in Jordanien. Die Vergabe von Mikrokrediten an Frauen im Jemen. Die Schaffung von Kapazitäten für einen neuen Nationalstaat im Westjordanland und dem Gaza-Streifen. Und die Förderung der Zusammenarbeit zwischen zehn Nil-Anliegerstaaten bei der Wasserversorgung der heute 300 Millionen Menschen, die dort leben und deren Zahl in nur 25 Jahren auf 600 Millionen ansteigen wird. Darüber hinaus unterstützen wir Saudi-Arabien mit rückzahlbaren technischen Hilfen. Wissen und der Austausch von Ideen und Gedanken sind Schlüsselelemente bei jeder Zusammenarbeit. Deshalb haben wir zusammen mit Fachleuten und Wissenschaftlern in der Region vier neue Berichte zu den Themenbereichen Beschäftigung, Handel, Gleichberechtigung von Mann und Frau sowie Regierungsführung verfasst. Deshalb sind unsere Website und mithin unser reicher entwicklungspolitischer Erfahrungsschatz nun auch in arabischer Sprache verfügbar. Diese Region ist eine sehr alte Region, der die Zivilisation so viel zu verdanken hat - mit Blick auf die Naturwissenschaften, die Mathematik, die Kultur und die Religionen. Und doch ist sie auch eine junge Region, denn sage und schreibe 60 Prozent der Bevölkerung sind unter 25 Jahren alt. Ich möchte hier und heute einige Worte vor allem an die jungen Menschen im Nahen Osten und in aller Welt richten. Letzte Woche traf ich in Paris mit Führern von Jugendverbänden zusammen, die mehr als 120 Millionen Mitglieder in aller Welt zählen. An der Konferenz nahmen auch Jugendliche aus ländlichen Gebieten und Straßenkinder, AIDS-Waisen und Kinder, die ihre Eltern durch Bürgerkriege verloren haben, Jugendliche aus der benachteiligten Volksgruppe der Roma und junge Behinderte teil. Sie kamen in Frieden und gegenseitigem Respekt zusammen. Sie fragten, warum unsere Generation nicht auch dazu in der Lage sei. Sie sagten: Wir sind bereit, unseren Teil zur Lösung beizutragen, Partner zu sein. Sie sagten aber auch: Wir wollen keine Zukunft, die allein auf wirtschaftlichen Überlegungen beruht - es muss doch mehr geben. Sie stellten uns zur Rede, stellten Werte und Überzeugungen in Frage. Meine Mitarbeiter und ich waren beeindruckt von ihrer Leidenschaft und ihrem Idealismus. Daher luden wir vier Vertreter von ihnen ein, heute hier bei uns zu sein und sich selbst ein Bild von unserem gemeinsamen Engagement zu machen. Sehr bald werden junge Menschen die Arbeit in den Länderbüros der Weltbank aufnehmen, an der Prüfung von Projekten mitwirken und Initiativen vorschlagen, wie es in Japan und Peru bereits der Fall ist. Wir werden darüber hinaus Regierungen auffordern, jungen Menschen die Möglichkeit zu geben, sich an der Erörterung von Strategien zum Armutsabbau zu beteiligen. Und in zwölf Monaten werden wir wieder zusammentreffen, um zu ermitteln, was wir durch unsere Partnerschaft erreichen konnten. Herr Vorsitzender: Bis zum Jahr 2015 werden drei Milliarden Menschen unter 25 Jahren auf der Erde leben. Sie sind die Zukunft. Doch wie die jungen Leute in Paris mit größtem Nachdruck erklärt haben, sind sie auch die Gegenwart. Und sie stellen hohe Erwartungen an uns. Wir müssen antworten, indem wir uns der grundlegenden Kräfte annehmen, die unserer Welt Gestalt verleihen. In vielerlei Hinsicht sind sie die Kräfte, die Ungleichgewichte verursacht haben: Von den heute weltweit sechs Milliarden Menschen verfügen eine Milliarde über 80 Prozent des weltweiten BIP - während eine weitere Milliarde Menschen ihren Lebensunterhalt von weniger als 1 US-Dollar pro Tag bestreiten müssen. Die Welt ist aus dem Gleichgewicht geraten. Im Laufe der nächsten 25 Jahre wird die Bevölkerung der reichen Länder um 50 Millionen Menschen anwachsen. Die Bevölkerung in den armen Ländern dagegen um eineinhalb Milliarden. Viele werden unter Armut und Arbeitslosigkeit leiden und von dem globalen System, das sie als ungerecht empfinden werden, enttäuscht sein. Immer mehr von ihnen werden auf der Suche nach Arbeit ihr Heimatland verlassen. Migration wird in Zukunft ein zentrales Thema sein. Des Weiteren besteht ein Ungleichgewicht zwischen den Mitteln, die reiche Länder für die Entwicklungshilfe aufwenden, nämlich 56 Milliarden US-Dollar jährlich, und den Ausgaben von 300 Milliarden US-Dollar für Agrarsubventionen sowie von 600 Milliarden US-Dollar für die Verteidigung. Die armen Länder wenden ihrerseits 200 Milliarden US-Dollar für die Verteidigung auf - mehr als für das Bildungswesen. Auch dies ein krasses Ungleichgewicht. Die Entwicklungsländer werden Prognosen zufolge ein doppelt so schnelles Wachstum verzeichnen wie die Industrieländer. Doch viele von ihnen werden auf Unterstützung angewiesen sein, um die Kluft zwischen Arm und Reich zu überbrücken. Die Belastung der Umwelt und der Ressourcen, etwa des Wassers, werden zentrale Bedeutung erlangen. Gegenseitige Abhängigkeiten werden deutlicher zu Tage treten. Die Möglichkeiten werden zunehmen, aber auch die Gefahren. Vor drei Jahren kamen Staats- und Regierungschefs aus aller Welt zum Millennium-Gipfel zusammen, um die Zukunftsaussichten zu beurteilen. Sie verpflichteten sich, die Armut bis 2015 zu halbieren. Sie einigten sich auf Millennium-Entwicklungsziele - für die Bereiche Gesundheit, Bildung und Chancengleichheit für Frauen. Sie legten Zielsetzungen für den Schutz der Umwelt von der Luft, die wir atmen, bis hin zum Schutz unserer Wälder und Meere fest. Alles das sind bemerkenswerte Ziele. Zahlreiche Staats- und Regierungschefs bezeichneten sie als moralisch richtig. Als unsere Verantwortung als Menschen, aber auch als Ziele, die im Interesse der Welt liegen. Sie sind zu einer Übereinkunft gelangt, die bei Konferenzen in Doha, Monterrey und Johannesburg näher dargelegt wurde. - Die Entwicklungsländer sagten zu, die Regierungsführung zu verbessern, ein positives Investitionsklima zu schaffen, transparente Rechts- und Finanzsysteme aufzubauen und die Korruption zu bekämpfen.
- Die Industrieländer verpflichteten sich ihrerseits, diese Bemühungen durch die Förderung der Schaffung von Kapazitäten, die Aufstockung der Entwicklungshilfe und die Öffnung der Märkte für den Handel zu unterstützen.
Ü ber diese Übereinkunft und die für ihre Erfüllung erforderlichen Maßnahmen herrschte eine nie da gewesene Einigkeit. Und was wurde erreicht? Die Politik und die Regierungsführung in den Entwicklungsländern waren noch nie so gut wie heute. Wie bereits erwähnt, verzeichnen sie ein markant schnelleres Wachstum als die reichen Länder. Doch diese gute Nachricht darf den Blick für andere wichtige Realitäten nicht trüben. Die Fortschritte bei der Bekämpfung der Armut variieren von Region zu Region ganz erheblich. China mit seinen 1,3 Millionen Einwohnern wird einen Großteil der Millennium-Ziele erreichen. Indien mit einer Milliarde Einwohnern liegt bei der Verwirklichung des Armutsziels im Plan. In zahlreichen anderen Ländern werden die Ziele jedoch nicht erreicht werden. Die afrikanischen Länder südlich der Sahara mit ihren 600 Millionen Einwohnern werden am schlechtesten abschneiden. Die Zahl der Menschen, die in absoluter Armut leben, wird steigen - nicht sinken. Nur jedes zweite afrikanische Kind wird eine abgeschlossene Grundschulausbildung haben und jedes sechste wird noch vor Vollendung des fünften Lebensjahres sterben, viele davon an AIDS. Wie die jungen Menschen, die ich in Paris traf, frage auch ich: Warum? Unter anderem, weil Reformen in den Entwicklungsländern nicht zügig genug umgesetzt werden. Weil es noch immer zu viel Vetternwirtschaft und zu viel Korruption gibt. In fast jedem Land ist gemeinhin bekannt, wo die Probleme liegen und wer dafür verantwortlich ist. Offen gesagt, wird das Problem der Korruption nicht mutig und konsequent genug angegangen, insbesondere auf höheren Ebenen der Macht. Und wie ist es um den Teil der weltweiten Übereinkunft bestellt, der die Industrieländer betrifft? Auch hier sind Fortschritte zu erkennen: - In Monterrey verpflichteten sich die Industrieländer, die jährliche Entwicklungshilfe bis zum Jahr 2006 um rund 16 Milliarden US-Dollar zu erhöhen,
- Sie sagten beträchtliche Mittel für den Kampf gegen HIV/AIDS und Malaria sowie für die Konfliktprävention und den Wiederaufbau zu und
- Sie haben die Zuteilung und Verwendung von Ressourcen sowie die Harmonisierung von Geberaktivitäten verbessert - wie das diesjährige Abkommen von Rom zeigt
A llerdings bleiben sie mit diesen Maßnahmen, wenngleich lobenswert, weit hinter ihren Zusagen zurück. In Dakar erklärten die Geber, kein solides Projekt für Grundschulbildung würde leer ausgehen. Sie sagten Mittel für die Initiative „Bildung für Alle“ zu, für die über einen Zeitraum von fünf bis zehn Jahren mehrere Milliarden Dollar für die Finanzierung über sukzessiv steigende Zuschüsse benötigt werden. Doch bislang haben im Rahmen des Programms zur „beschleunigten Umsetzung“ lediglich sieben Länder eine Finanzierungszusage erhalten, und zwar über nur 200 Millionen US-Dollar für drei Jahre, so dass weniger als fünf Prozent der 115 Millionen Kinder erreicht werden, die keine Schule besuchen. Dies bereitet den Entwicklungsländern natürlich große Sorgen. Sie sorgen sich, woher die zusätzlichen Mittel kommen werden, die ihnen helfen sollen, Schulen zu eröffnen, Lehrer einzustellen und für den Bedarf an weiterführenden und Grundschulen zu planen. Sie sind besorgt, dass die Mittel, die sie für die Erfüllung anderer Ziele benötigen, nicht fließen werden. Dass die Schuldenentlastung nicht ausreichen wird. Und dass Gelder für die jüngsten Krisen oder den Kampf gegen Drogen und Terror verwendet werden - statt für die langfristige Entwicklung. Ihnen bereitet Sorgen, dass nur die Hälfte der vorhandenen Hilfen sie tatsächlich in Form von direkten Barmitteln für ihre Programme erreicht. Und sie sorgen sich, dass die Tilgungszahlungen für Schulden ihre Fähigkeit zu wachsen beeinträchtigen. Die Entwicklungsländer haben nach eigener Ansicht erhebliche Anstrengungen unternommen, um ihren Teil der weltweiten Übereinkunft zu erfüllen. Die andere Seite erfüllt in ihren Augen die gemachten Zusagen dagegen nicht in ausreichendem Maße. Die ins Stocken geratenen Gespräche in Cancun sind ein typisches Beispiel. Zwei Drittel der Armen der Welt sind für ihren Lebensunterhalt auf die Landwirtschaft angewiesen. Nach Ansicht der Entwicklungsländer unterbreiteten ihnen die reichen Länder Vorschläge, die auf ihre zentralen Forderungen in diesem wichtigen Bereich nicht eingingen. Ferner empfanden sie die Aussicht auf Verhandlungen, bei denen sie lediglich auf Vorschläge der reichen Länder reagieren sollen, als untragbar. In Cancun gaben die Entwicklungsländer zu verstehen, dass sie mit aller Entschlossenheit auf ein neues Gleichgewicht drängen. Sie gaben zu verstehen, dass zwischen den Reichen und Mächtigen einerseits und der großen Masse der Armen andererseits ein besserer Ausgleich herrschen muss. Sie gaben zu verstehen, dass die Prioritäten anders gesetzt werden müssen, damit Frieden und nachhaltige Entwicklung möglich sind. Die Zusammenarbeit muss intensiviert werden. Tatsache ist aber, dass das Gesamtvolumen der Entwicklungshilfe geringer ist denn je. Es ist von 0,5 Prozent des BIP Anfang der 1960er Jahre auf heute rund 0,22 Prozent gesunken. Und das in einer Zeit, in der die Einkommen in den Industrieländern höher sind als je zuvor. Vor diesem Hintergrund hat die Weltbank näher untersucht, wie die Verwirklichung der Millennium-Ziele beschleunigt werden könnte - durch eine bessere Politik, eine effektivere Verwendung der Entwicklungshilfe und höhere Hilfen. Unsere Analyse, die auf aktuellen Plänen basierte, lieferte folgende Ergebnisse: - Erstens werden Hilfen dank Verbesserungen in zahlreichen Entwicklungsländern und Verbesserungen bei der Allokation der Entwicklungshilfe heute effektiver verwendet als je zuvor.
- Zweitens zeigt unsere Analyse, dass die Entwicklungsländer durchaus das Doppelte der in Monterrey zugesagten zusätzlichen Mittel in Höhe von 16 Milliarden US-Dollar pro Jahr brauchen könnten.
Und das ist eine konservative Schätzung. Die 50 Milliarden US-Dollar an zusätzlicher Entwicklungshilfe pro Jahr, die der britische Finanzminister Brown vorgeschlagen hat, könnten sehr rasch und wirkungsvoll verwendet werden. Die Aussichten auf derartige Finanzierungsmittel würde Entwicklungsländer dazu ermutigen, Reformen zügiger voranzutreiben. Regierungen dürften eher Maßnahmen einleiten, wenn sie wissen, dass die Mittel kontinuierlich fließen. Sie werden sich aber nicht rühren, wenn die Finanzierung und der Nutzen von Reformen nicht sichergestellt werden können. Maßnahmen in Sachen Handel zu ergreifen ist ebenso wichtig. Es zeugt von mangelnder Konsequenz, einerseits die Vorteile des freien Handels zu predigen und andererseits die höchsten Subventionen und Hürden für genau jene Waren aufrecht zu erhalten, bei denen arme Länder über einen komparativen Vorteil verfügen. Die Entwicklungsländer müssen diesbezüglich aber auch selbst tätig werden, denn bereits im Süd-Süd-Handel zahlen sie beträchtliche Zölle. Die Wiederherstellung des Gleichgewichts in unserer Welt wird nur dann gelingen, wenn ernsthafte Anstrengungen unternommen werden, um in der Öffentlichkeit mehr Verständnis für die Bedeutung von Armut und Ungerechtigkeit zu schaffen. Meine Generation wuchs auf in dem Glauben, es gäbe zwei Welten, die Reichen und die Armen, und dass sie weitestgehend voneinander getrennt wären. Das war schon damals falsch und ist es heute umso mehr. Die Wand, die in den Köpfen vieler Menschen die reichen Länder von den armen trennte, wurde vor zwei Jahren am 11. September eingerissen. So vieles verbindet uns: Nicht nur der Handel und Finanzsysteme, sondern auch die Migration, die Umwelt, Krankheiten, Drogen, Kriminalität, Konflikte und - ja, auch das - der Terrorismus. Was uns alle - Reiche wie Arme - miteinander verbindet, ist unser gemeinsamer Wunsch, unseren Kindern eine bessere Welt zu hinterlassen. Und die Erkenntnis, dass bei einem Versagen unsererseits, in unserem Teil der Welt, auch der Rest schutzlos sein wird. Das ist die eigentliche Bedeutung des Begriffs Globalisierung. Wir wissen, dass Wahlen durch nationale Probleme entschieden werden. Doch globale Probleme - und insbesondere die Armut - werden darüber entscheiden, wie die Welt aussieht, in der unsere Kinder leben werden. Die Führer der Länder müssen sich für die Entwicklung stark machen. Sie ist in der Tat ein Problem nicht nur von nationaler, sondern auch von internationaler Tragweite. Mehr über andere Länder und Kulturen zu erfahren und deren Werte und Wünsche zu respektieren ist dabei unverzichtbar. Wir müssen unseren Kindern etwas über andere Teile der Welt beibringen. Die jungen Leute, mit denen ich in Paris zusammentraf, sind Weltbürger. Sie sind in ihrer eigenen Kultur verwurzelt, respektieren aber andere. Genau wie die jungen Menschen in Dubai. Am vergangenen Sonntag veranstaltete die Weltbank hier eine Konferenz am Frauen-College. Per Videokonferenz waren uns Schülerinnen und Studentinnen aus Äthiopien, Afghanistan, dem Jemen, Jordanien, der Türkei, Uganda und den Vereinigten Staaten zugeschaltet. Wir fragten sie, worüber sie mit uns sprechen wollten. Sie sagten, über Bildung für Mädchen, Respekt für andere Kulturen und Religionen, über Stereotypen, Träume, die Gleichberechtigung von Mann und Frau, Ethik, Kunst und über Einigkeit durch Vielfalt. Das war auch die Meinung der Studentinnen hier vor Ort. Sie sind Weltbürger. Dubai kann sehr stolz auf sie sein - so wie ich. Es macht Mut, dass laut einer weltweiten Umfrage, die Anfang dieses Jahres durchgeführt wurde, viele Menschen in aller Welt den Zusammenhang zwischen Armut und Stabilität sehen. Gelegentlich sehen sie ihn sogar deutlicher als ihre Führer. Herr Vorsitzender: Ich habe angedeutet, wie Länder ihrer Verantwortung gerecht werden können. Genau das müssen auch die Entwicklungsorganisationen - ihrer Verantwortung gerecht werden. Gemeinsam, das heißt in Zusammenarbeit mit Regierungen, der Zivilgesellschaft und dem privaten Sektor, haben wir im Laufe der letzten vierzig Jahre einen Teil zu den Erfolgen der Entwicklungsländer beigetragen: Die Lebenserwartung ist um zwanzig Jahre gestiegen und die Analphabetenrate wurde halbiert. Doch heute bleiben uns nur noch zwölf kurze Jahre, um die Millennium-Ziele zu erreichen. Deshalb müssen multilaterale und bilaterale Organisationen ihren Einsatz erhöhen. Wir müssen von losgelösten Projekten mit geringer Wirkung - „Wohlfühl-Projekten“, wie wir sie nennen - Abstand nehmen und nach Resultaten streben, die vielen Menschen zugute kommen, sagen wir 50 oder 500 Dörfern. Oder 5000. Was die Weltbank-Gruppe anbelangt, so nehmen wir uns selbst genau unter die Lupe und prüfen, wie wir besser werden können - und erfolgreiche Programme ausgeweitet. Heute setzen wir 2.500 Mitarbeiter im Feld ein - um näher bei unseren Klienten zu sein. Wir verkürzen die für die Projektvorbereitung benötigte Zeit. Die Erfolgsquote bei den von uns unterstützten Projekten ist von 71 Prozent im Jahr 1995 auf 85 Prozent im letzten Jahr gestiegen. Die Leistungsfähigkeit der Politik und gute Regierungsführung sind heute Prioritäten in unserem Dialog mit den einzelnen Ländern. Wir engagieren uns nach Kräften in den Problembereichen AIDS, Bildung und Wasser und verstärken unsere Bemühungen um den Aufbau grundlegender Infrastruktur: In Zusammenarbeit mit dem IWF und unseren HIPC-Partnern haben wir Schuldenerleichterungen im Volumen von 52 Milliarden US-Dollar für 27 Länder mit niedrigem Einkommen erwirkt. Und wir gehen weiterhin auf die Bedürfnisse von Ländern mit mittlerem Einkommen ein, in denen ein Gutteil der Armen der Welt lebt. Wir setzen Technologie geschickter ein, beispielsweise stehen mehr als 100 unserer Büros via Satellit miteinander in Kontakt. Wir organisieren jeden Monat 1.500 Videokonferenzen und erreichen täglich mehr als 60 Länder. Das Development Gateway hat mittlerweile rund 100 Partner, die die Schaffung von Kapazitäten unterstützen und einen großen Bestand an Informationen für die Entwicklungsgemeinschaft bereit stellen. Wir lancieren derzeit eine neue „Kundenkarte“, durch die politische Entscheidungsträger und Teamleiter einen geschützten Zugang zu genau denselben web-basierten Informationen erhalten, die auch wir für das Projektmanagement, die Weitergabe von Finanzinformationen und für Forschungen nutzen. Es ist ein leistungsfähiges Hilfsmittel, das die Umsetzung unterstützt und die Transparenz verbessert. Auch die anderen Organisationen der Weltbank-Gruppe verzeichnen Fortschritte: - Die IFC fördert Investitionen des privaten Sektors in kleine und mittelständische Unternehmen, unter anderem in Afrika, und entwickelt neue Ansätze wie den Handel mit Kohlenstoffemissionsrechten.
- Die MIGA hat ihre Fokussierung auf Länder mit niedrigem Einkommen weiter verstärkt; so kam im vergangenen Jahr über die Hälfte der Garantien jenen Ländern zugute, die ein Anrecht auf Zuschüsse und Darlehen der IDA haben.
I n der oben erwähnten Umfrage gaben die Befragten an, dass sie die Weltbank als kundenorientierter, effektiver und bedeutsamer einschätzen. Sie mahnten uns jedoch auch, unsere Bemühungen zum Abbau der Bürokratie voranzutreiben und flexibler zu sein - und mehr Ergebnisse zu erzielen. Wir nehmen dieses Feedback ernst. Im kommenden Frühjahr werden wir gemeinsam mit der chinesischen Regierung als Co-Sponsor für eine Konferenz in Schanghai fungieren, die sich mit der Frage befasst, wie Bemühungen zum Armutsabbau optimiert werden können. Wie wir erfolgreiche Programme ausweiten können, wie wir den Armen ermöglichen, die zentrale Kraft, die den Wandel vorantreibt, und nicht Empfänger von Wohltätigkeiten zu sein, wie wir Programme über längere Zeit verwalten, um Resultate zu erzielen, die tatsächlich etwas bewirken. Ich hoffe, dass ich in Schanghai wieder viele von Ihnen begrüßen kann. Unsere Bemühungen noch weiter zu verbessern ist die Herausforderung für die internationale Gemeinschaft. Das ist die Herausforderung für die Weltbank. Und unser erstklassiges Team ist fest entschlossen, sich ihr zu stellen. Zeit zu handeln Herr Vorsitzender: Es ist an der Zeit, einen nüchternen, sachlichen Blick in die Zukunft zu werfen. Unser Planet ist aus dem Gleichgewicht geraten. Zu wenige haben die Kontrolle über zu vieles und für zu viele Menschen gibt es zu wenig, auf das sie hoffen können. Zu viele Unruhen, zu viele Kriege. Zu viel Leid. Demografische Daten für die Zukunft sagen ein deutlicheres Ungleichgewicht voraus - mit Blick auf die Menschen, die Ressourcen und die Umwelt. Wenn wir heute gemeinsam handeln und an einem Strang ziehen, können wir die Welt verändern, besser machen. Tun wir das nicht, werden wir unseren Kindern noch größere und hartnäckigere Probleme hinterlassen. Wir müssen das Gleichgewicht in unserer Welt wiederherstellen, um jedem die Chance auf ein Leben zu geben, das sicher ist, ein Leben mit einem Recht auf freie Meinungsäußerung. Mit gleichen Rechten für Frauen. Mit Rechten für Behinderte und Benachteiligte. Einem Recht auf eine saubere Umwelt. Einem Recht auf Lernen. Einem Recht auf Entwicklung. Diese Zielsetzungen sind nicht utopisch. Wir alle wollen das Gleiche, Reiche wie Arme. Nun ist der optimale Zeitpunkt gekommen, um Hand in Hand zu arbeiten und die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Sie sind die Führer von Ländern in aller Welt, die genau das möglich machen können. Jeder Aufschub wäre Leichtsinn. Nun sind Mut und Handlungswille gefragt - für eine neue Vision für die Zukunft. Herr Vorsitzender: Ich spreche nicht die Worte eines Träumers oder Philosophen. Wie Sie alle habe auch ich eine Familie und sorge mich um ihre Zukunft. Wir haben die Mittel, um etwas zu bewegen. Wir wissen, wie wir etwas bewegen können. Wir haben den Mut, etwas zu bewegen. Jetzt müssen wir handeln, um etwas zu bewegen. Wir alle leben auf demselben Planeten. Es ist an der Zeit für mehr Ausgewogenheit in der Art und Weise, wie wir ihn nutzen. Werden wir aktiv, um die Armut zu bekämpfen, Gerechtigkeit zu schaffen und den Frieden für die nächste Generation sicherzustellen. Antworten wir den jungen Menschen in Paris und den Studentinnen in Dubai. Dass sie uns vertrauen können und dass wir noch heute handeln werden, hier - in Dubai. Vielen Dank. |