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Die andere Krise

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Rede an den Verwaltungsrat


James D. Wolfensohn
Präsident
Weltbankgruppe

Washington, D.C., 6. Oktober 1998

This speech is also available in PDF format,
suitable for printing or reading offline: jdwsp100698-de.pdf (100K)


Dies ist das vierte Mal, daß ich als Präsident der Weltbankgruppe vor Ihnen stehe. Zu Beginn möchte ich unserem Vorsitzenden, Wolfgang Ruttenstorfer, und meinem Kollegen und Freund, Michel Camdessus, meinen Dank für die angenehme Partnerschaft aussprechen, die uns das letzte Jahr über verbunden hat.

Ich möchte auch der Arbeit Tribut zollen, die der Fonds in einem Jahr geleistet hat, das durch große Unruhe gekennzeichnet war, und den Beitrag würdigen, den Michel und seine Kollegen geleistet haben, indem sie sich in einer sehr schwierigen Zeit mit sehr schwierigen Problemen befaßt haben.

Wir sind uns alle bewußt, daß wir im Schatten einer globalen Krise zusammentreten. Wir alle kommen hierher in dem vereinten Bemühen, das Gemeinwohl zu schützen, uns für Ideen von allen Seiten offen zu halten, und Freunden ebenso wie Kritikern die Hand entgegenzustrecken, um neue Lösungen zu finden. Wir müssen Mut zeigen.

Herr Vorsitzender, ich stehe heute unter ganz anderen Umständen vor Ihnen als im letzten Jahr.

Vor zwölf Monaten haben wir über eine globale Produktion berichtet, die mit einer Rate von 5,6% stieg _ der höchsten Rate seit zwanzig Jahren. Vor zwölf Monaten stolperte Ostasien, aber niemand sah das Ausmaß des Falls voraus. Vor zwölf Monaten wurden in Südasien, der Heimat von 35% der Armen der Welt, noch keine Atomtests durchgeführt, und es schien sich auf zukünftige Jahre mit 6-prozentigem Wachstum freuen zu können. Vielleicht mehr. Vor zwölf Monaten befanden sich die Entwicklungsländer insgesamt gesehen auf dem Weg zu starkem Wachstum für das nächste Jahrzehnt. Vor zwölf Monaten herrschte Optimismus in bezug auf Rußland mit seinem starken Team von Reformern.

Und dann kam ein Jahr des Aufruhrs und der Qual.

Ostasien, wo im letzten Jahr Schätzungen zufolge mehr als 20 Millionen Menschen in die Armut zurückfielen und wo es in den nächsten Jahren wahrscheinlich bestenfalls ein stagnierendes oder zögerliches Wachstum geben wird. Rußland, von einer wirtschaftlichen und politischen Krise bedrängt _ zwischen zwei Welten, zwei Systemen gefangen, von denen ihm keines behagt. Japan, die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt, von so entscheidender Bedeutung für die Erholung Ostasiens, mit einer Regierung, die sich für Wirtschaftsreformen engagiert _ aber immer noch in einer Rezession, die nicht nur auf Asien, sondern auf die ganze Welt schwere Auswirkungen hat. Atomtests in Indien und Pakistan. Krieg drohte in Eritrea und Äthiopien. Terroristische Bombenanschläge in Kenia und Tansania.

Und all dies noch kompliziert durch die Auswirkungen von El Niño _ so schlimm wie nie zuvor _ mit seiner ganzen vernichtenden Gewalt, die am schwersten die Armen trifft. In Bangladesch kam es zu Überschwemmungen, die zwei Drittel des Landes mehr als zwei Monate lang unter Wasser setzten und dadurch viele der jüngsten sozialen und wirtschaftlichen Gewinne zunichte machten. In China forderte die Überflutung des Jangtse ca. 3500 Menschenleben; fünf Millionen Häuser wurden zerstört und 200 Millionen Menschen wurden obdachlos.

Herr Vorsitzender, in der Vergangenheit habe ich über Bilder der Hoffnung gesprochen _ von Menschen in den Slums von Brasilien bis zu den ländlichen Dörfern von Uganda, vom Lößplateau in China bis zu den hunderttausenden Frauen, die durch Kleinstkredite ihre Menschenwürde wiederfinden. Menschen, die in die Lage versetzt wurden, Verantwortung für ihr Schicksal zu übernehmen.

Aber heute habe ich andere Erinnerungen. Dunkle, quälende Bilder von Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit und Untergang. Von Menschen, die einst hofften, aber jetzt keine Hoffnung mehr haben.

Die Mutter in Mindanao, die ihr Kind aus der Schule nimmt, und die von der Angst verfolgt wird, daß es nie mehr dorthin zurückkehren wird. Die Familie in Korea mit einer mittelgroßen Altmetallfirma, die durch fehlenden Kredit völlig verarmt ist. Der Vater in Jakarta, der einem Geldverleiher dreimal so viel Zinsen zahlt, wie er an diesem Tag einnehmen kann, und sich immer tiefer in Schulden verstrickt. Der nicht weiß, wie er jemals seine Schulden abzahlen soll. Das Kind in Bangkok, das nun dazu verurteilt ist, auf den Strich zu gehen, das nicht länger Kind bleiben kann.

Heute, während wir über die Finanzkrise reden, sind 17 Millionen Indonesier in die Armut zurückgefallen, wird nun in der gesamten Region eine Million Kinder nicht in die Schule zurückkehren.

Heute, während wir über die Finanzkrise reden _ leben schätzungsweise 40% der russischen Bevölkerung in Armut.

Heute, während wir über die Finanzkrise reden _ leben weltweit 1,3 Milliarden Menschen von weniger als einem Dollar pro Tag, 3 Milliarden von weniger als zwei Dollar pro Tag,

DIE FINANZKRISE

Herr Vorsitzender, wir müssen uns um dieses menschliche Leid kümmern.

Wir müssen über die finanzielle Stabilisierung hinausgehen. Wir müssen uns um die Fragen des langfristigen gerechten Wachstums kümmern, von dem Wohlstand und menschlicher Fortschritt abhängen. Wir müssen uns auf die institutionellen und strukturellen Veränderungen konzentrieren, die für wirtschaftliche Erholung und nachhaltige Entwicklung benötigt werden. Wir müssen uns auf die sozialen Probleme konzentrieren.

All dies müssen wir tun. Denn wenn wir keine Fähigkeit zur Bewältigung von sozialen Notständen entwickeln, wenn wir keine längerfristigen Pläne für stabile Institutionen haben, wenn wir keine größere Gerechtigkeit, insbesondere im sozialen Bereich, erreichen, wird es keine politische Stabilität geben, und ohne politische Stabilität kann uns keine noch so große Geldsumme, die in Finanzpakete investiert wird, finanzielle Stabilität geben.

Und daher haben wir uns in der Bank als Reaktion auf die aktuelle Krise darauf konzentriert, die kurz- und langfristigen Maßnahmen zur nachhaltigen wirtschaftlichen Erholung umzusetzen.

Wir haben mit Regierungen an finanziellen, gerichtlichen und regulatorischen Reformen, an Konkursgesetzen, Programmen gegen Korruption und an Regeln der Firmenführung gearbeitet, die zur Wiederherstellung des Vertrauens des Privatsektors von essentieller Wichtigkeit ist. Bevor uns die Krise traf, hatten wir bereits an Reformen des Finanzsektors in achtundsechzig Ländern gearbeitet. Auf die Bitte unserer Kapitaleigner haben wir diese Kapazität um ein Drittel erweitert und verstärken unsere Führungsrolle bei der Firmenkontrolle.

Im sozialen Bereich haben wir unsere vorhandenen Portfolios umstrukturiert, um eine scharfe Konzentration auf vorrangige Programme, die rasch arme Gemeinden erreichen können, sicherzustellen. Wir setzen uns dafür ein, daß Kinder in der Schule bleiben können _ zum Beispiel in Indonesien, wo wir ein Programm unterstützen, durch das 2,5 Millionen Kinder ein Stipendium erhalten. Wir schaffen Arbeitsplätze _ in Thailand, durch einen neuen Sozialfonds. Wir richten Rahmen für sozialen Schutz ein _ in Korea, durch eine Reihe von Strukturanpassungskrediten. Wir versuchen, in der gesamten Region die Lebensmittelversorgung aufrechtzuerhalten und sicherzustellen, daß Kranke lebenswichtige Medikamente bekommen. Wir versuchen sicherzustellen, daß Gesundheits- und Bildungsprogramme fortgesetzt werden und die Umwelt geschützt wird. Wir versuchen, den Menschen Vorrang zu geben.

Herr Vorsitzender, wir haben gelernt, daß die Erstellung geeigneter makroökonomischer Pläne mit effektiven Steuer- und Geldpolitiken zwar in jeder Hinsicht unbedingt erforderlich ist, daß aber Finanzpläne allein nicht ausreichen.

Wir haben gelernt, daß enorme Spannung entstehen kann, wenn wir Regierungen bitten, schmerzhafte Schritte zu unternehmen, um ihre Volkswirtschaften in Ordnung zu bringen. Es sind die Menschen und nicht die Regierungen, die den Schmerz spüren.

Wenn wir die gestörten Haushaltsgleichgewichte wiederherstellen, müssen wir uns bewußt sein, daß Programme, die dafür sorgen, daß Kinder in der Schule bleiben können, verlorengehen können, daß Programme, die die Gesundheitsvorsorge für die Ärmsten sicherstellen sollen, verlorengehen können, daß kleine und mittlere Unternehmen, die ihren Besitzern ein Einkommen und vielen Menschen einen Arbeitsplatz geben, keine Kredite bekommen und scheitern.

Wir haben gelernt, Herr Vorsitzender, daß Gleichgewicht dringend notwendig ist. Wir müssen die finanziellen, institutionellen und sozialen Maßnahmen im Zusammenhang betrachten. Wir müssen lernen, Diskussionen zu führen, in denen nicht die Mathematik die Menschlichkeit dominiert und in denen die Notwendigkeit, Änderungen vorzunehmen, die häufig drastisch sind, durch den Schutz der Interessen der Armen ausgeglichen werden kann. Nur dann werden wir zu Lösungen kommen, die nachhaltig sind. Nur dann werden die internationale Finanzgemeinschaft und die einheimischen Bürger hinter uns stehen.

Herr Vorsitzender, im Vorfeld und während dieser Konferenzen hat es zahlreiche Gespräche über eine neue globale Finanzarchitektur gegeben.

Diese Gespräche spiegeln zunehmend das Gefühl wider, daß mit einem System etwas nicht stimmt, wo sogar Länder, die jahrelang starke wirtschaftliche Politiken verfolgt haben, schwer von den internationalen Finanzmärkten geschädigt werden, wo Arbeiter in diesen Ländern arbeitslos gemacht werden, wo die Bildung ihrer Kinder unterbrochen wird und ihre Hoffnungen und Träume zerstört werden.

Ich glaube, daß uns unsere internationalen Wirtschaftsorganisationen in den mehr als fünfzig Jahren, die seit der Schaffung der neuen Wirtschaftsarchitektur nach dem Zweiten Weltkrieg vergangen sind, gute Dienste geleistet haben. Nein, sie haben nicht all unsere Probleme gelöst. Aber mit ihnen geht es uns viel besser, als es uns ohne sie gegangen wäre.

Zwar ist die Armut nicht ausgerottet worden, aber die Einkommen sind gestiegen. Die sogenannte „Grüne Revolution" hat Millionen mit Nahrung versorgt, die sonst hätten hungern müssen. Einige Geißeln, wie die Flußblindheit, sind fast ausgerottet worden, und gegen viele andere haben wir Fortschritte gemacht.

Seit über einem halben Jahrhundert hat es keine größere globale Krise gegeben. Das System hat starke Erschütterungen wie den gewaltigen Anstieg der Ölpreise ausgehalten. Und in diesem halben Jahrhundert haben sich die Institutionen zusammen mit der globalen Wirtschaft entwickelt.

Aber, Herr Vorsitzender, wir können nicht vorgeben, daß alles zum Besten stehe. Wir können unsere Augen nicht vor der Tatsache verschließen, daß die Krise Schwächen und Verwundbarkeiten aufgedeckt hat, um die wir uns kümmern müssen. Wir müssen mutig, aber auch realistisch sein. Wir werden uns nicht innerhalb von zwei Tagen oder auch nur zwei Wochen eine neue Architektur ausdenken. Aber genauso wenig können wir uns ein verlorenes Jahrzehnt leisten, wie es Lateinamerika als Resultat des Krise in den frühen Achtzigern zu schaffen machte. Zu viel steht auf dem Spiel, das Leben zu vieler Menschen...

Was wir hier und jetzt tun können, ist folgendes: Wir können ermitteln, was getan werden muß. Wir können uns der Probleme bewußt werden. Wir können unsere Ziele klären. Wir können daran arbeiten, Konsens zu erreichen. Die Probleme sind zu groß, ihre Folgen zu wichtig, als daß wir uns von den vorgefertigten Antworten der Vergangenheit oder den Modeerscheinungen oder Ideologien von heute leiten lassen könnten. Wir müssen uns zusammen dafür einsetzen, gemeinschaftlich etwas besseres aufzubauen. Lassen Sie mich einen Ansatz mit drei Pfeilern vorschlagen:

Der erste Pfeiler muß Vorbeugung sein: wir müssen die Ursachen der Krisen verstehen und daran arbeiten, wirtschaftliche Strukturen zu schaffen, durch die sie weniger häufig und weniger schwer werden.

Der zweite Pfeiler muß Reaktion sein: Ganz gleich, wie erfolgreich wir bei der ersten Aufgabe sind _ es wird Krisen geben. Wir müssen uns effektivere Wege ausdenken, auf die Krisen zu reagieren, Wege, bei denen die Lasten besser verteilt werden, Wege, bei denen Arbeiter und Kleinunternehmen sowie andere unschuldige Opfer nicht so sehr leiden müssen.

Der dritte Pfeiler muß durch Sicherheitsnetze gebildet werden: Ganz gleich, wie erfolgreich wir im Erdenken von gerechten und wirksamen Reaktionen sind _ und es ist klar, daß wir einen langen Weg vor uns haben _: es wird unschuldige Opfer geben. Die Arbeitslosenraten werden steigen. Wir müssen viel besser für den Schutz dieser unschuldigen Opfer sorgen.

Herr Vorsitzender, auf die Bitte von Finanzministern haben wir daran gearbeitet, die Zusammenarbeit zwischen der Bank und dem Fonds zu steigern. Die Minister hatten uns gebeten, unsere Arbeitsteilung zu überprüfen, und das haben wir im Geiste echter Partnerschaft auch getan.

Unsere Rollen sind eindeutig verschieden. Während der Fonds für Überwachung, Wechselkursfragen, Zahlungsbilanz, wachstumsorientierte Stabilisierungsstrategien und die damit verbundenen Elemente zuständig ist, hat die Weltbank ein Mandat für die Ausarbeitung und praktische Analyse von Entwicklungsprogrammen und Prioritäten, darunter die Struktur- und Sektorpolitik _ und so, durch die Schaffung eines stabilen Entwicklungsfundaments, eine Verantwortung für Krisenvorbeugung.

An diesem Krisenzeitpunkt, wo Gelder des privaten Sektors aus den aufstrebenden Märkten zurückgezogen werden, die IWF-Mittel überbeansprucht sind und wir wenig direkte Unterstützung aus wohlhabenderen Ländern bekommen, erkennen wir die Verpflichtung, ein antizyklischer Kreditgeber zu sein, dessen Aufgabe es ist, dort zu helfen, wo es erforderlich ist, nicht nur in Krisenländern, sondern auch für Kunden, die auf ausgezeichnete Erfolge verweisen können, derzeitig aber unter dem gegenwärtigen Mangel an verfügbaren Mitteln auf den globalen Märkten zu leiden haben. Ja, wir müssen ihnen helfen, damit sie nicht zu Krisenländern werden.

Ja, wir müssen in Krisenländern schnell reagieren, um sicherzustellen, daß soziale, institutionelle und politische Reformen sofort Fuß fassen können und integrale Bestandteile des Gesamtprogramms sind _ damit die Reaktionen auf die Krise zur langfristigen wirtschaftlichen Erholung beitragen.

Ja, wir müssen schnell soziale Nothilfe bereitstellen. Aber wir haben eine andere Rolle als der Fonds. Wir können in Notfällen Kredite gewähren, aber wir können dies nicht aus Gründen der Liquidität tun. In Anbetracht unserer finanziellen Struktur und der Notwendigkeit, innerhalb unserer wohlüberlegten Ausleihgrenzen zu bleiben, gibt es Einschränkungen, die wir nicht ignorieren können.

Wenn wir mehr im voraus verleihen müssen, wird weniger für unsere Mission der langfristigen Entwicklung übrigbleiben.

Weniger für IDA, weniger für HIPC sowie weniger für die Armen in den Krisenländern. Neue Forderungen werden an uns gestellt und sie bedingen eine sehr sorgfältige Überprüfung eines möglicherweise entstehenden Bedarfs für neue Ressourcen. Heute befinden wir uns, gestützt von unserem existierenden Kapital sowie vorhandenen Ressourcen und beträchtlichen Summen nichtabgerufenen Kapitals, in einer sehr starken Position. Während wir aber voranschreiten, müssen wir vorsichtig sein, daß wir nicht in Kapitalengpässe geraten.

Und wir müssen uns auch daran erinnern, daß wir uns nicht von der dringenden Notwendigkeit ablenken lassen dürfen, sicherzustellen, daß wir durch IDA-12 und die HIPC-Initiative ausreichende finanzielle Mittel für die ärmsten Länder haben. Das muß in den kommenden Wochen und Monaten eine Priorität sein.

DER NEUE ANSATZ

Herr Vorsitzender, wenn wir die Geschwindigkeit und das Ausmaß der globalen Veränderungen der letzten zwölf Monate betrachten, geht es uns, wie Ihnen allen in diesem Raum, darum, welche Lektionen wir aufgrund dieser Erfahrungen gelernt haben. Wie Sie alle fragen wir uns: Was können wir in der Zukunft anders machen, um diese Verschiebungen in der wirtschaftlichen und sozialpolitischen Landschaft zu vermeiden? Was haben wir beobachtet?


Wir sehen, daß in der heutigen globalen Wirtschaft Länder in Bildung und Gesundheit investieren können, volkswirtschaftliche Grundlagen legen können, moderne Kommunikationssysteme und Infrastruktur aufbauen können; daß sie all dies tun können, daß aber, wenn sie kein effektives Finanzsystem haben, wenn sie keine angemessenen Aufsichtsvorschriften oder angemessenen Konkursgesetze haben, wenn sie keine effektive Wettbewerbs- und Regulativgesetzgebung haben, wenn sie keine Transparenz- und Buchführungsstandards haben, ihre Entwicklung gefährdet ist und nicht von Dauer sein wird.

Wir sehen, daß sich in der heutigen globalen Wirtschaft Länder in Richtung Marktwirtschaft bewegen können, privatisieren können, staatliche Monopole auflösen können, staatliche Subventionen verringern können; daß aber, wenn sie nicht die Korruption bekämpfen und eine gründliche Kontrolle einsetzen, wenn sie nicht soziale Sicherheitsnetze einführen, wenn sie nicht den sozialen und politischen Konsens für Reformen haben, wenn ihre Bürger nicht hinter ihnen stehen, ihre Entwicklung gefährdet ist und nicht von Dauer sein wird.

Wir sehen, daß in der heutigen globalen Wirtschaft Länder Privatkapital anziehen können, ein Bank- und Finanzsystem aufbauen können, Wachstum erreichen können, in ihre Bürger _ einige ihrer Bürger _ investieren können; daß aber, wenn sie die Armen marginalisieren, wenn sie Frauen und einheimische Minderheiten marginalisieren, wenn sie keine Politik der allgemeinen Einbeziehung haben, ihre Entwicklung gefährdet ist und nicht von Dauer sein wird.

Wir sehen, Herr Vorsitzender, daß in einer globalen Wirtschaft die Gesamtheit der Veränderung in einem Land das ist, was zählt.

Bei Entwicklung geht es nicht nur um Anpassung. Bei Entwicklung geht es nicht nur um gesunde Staatshaushalte und Fiskalmanagement. Bei Entwicklung geht es nicht nur um das Erziehungs- und Gesundheitswesen. Bei Entwicklung geht es nicht nur um schnelle technokratische Lösungen.

Bei Entwicklung geht es darum, die Makroökonomie in den Griff zu bekommen _ ja; aber es geht auch darum, die Straßen zu bauen, den Menschen Möglichkeiten zu eröffnen, die Gesetze zu schreiben, die Frauen anzuerkennen, die Korruption zu beseitigen, die Mädchen zu bilden, die Banksysteme aufzubauen, die Umwelt zu schützen, die Kinder zu impfen.

Bei Entwicklung geht es darum, sämtliche Bestandteile umzusetzen _ zusammen und in Einklang miteinander.

Daß wir eine ausgewogene Entwicklung brauchen, gilt für Ostasien und Rußland. Es gilt für Afrika. Es gilt für Lateinamerika, für den Nahen Osten, für die Übergang swirtschaftssysteme in Mitteleuropa, Osteuropa und Eurasien. Es gilt, Herr Vorsitzender, für uns alle.

Die Vorstellung, daß an der Entwicklung eine Gesamtheit von Bemühungen, ein ausgewogenes wirtschaftliches und soziales Programm, beteiligt ist, ist nicht revolutionär, aber die Tatsache bleibt bestehen, daß es nicht der Ansatz ist, den wir in der internationalen Gemeinschaft angewendet haben.

Wir hatten in diesen vielen Jahren zwar einige außerordentliche Erfolge bei Einzelprogrammen und -projekten, aber zu häufig haben wir sie nicht mit dem Ganzen in Verbindung gebracht. Zu häufig war unsere Konzeption der notwendigen wirtschaftlichen Transformierung zu eng gesteckt: Wir konzentrierten uns auf makroökonomische Zahlen oder auf wesentliche Reformen wie die Privatisierung, ignorierten dabei aber die zugrundeliegende institutionelle Infrastruktur, ohne die eine Marktwirtschaft einfach nicht zu funktionieren vermag. Anreize können Kapitalakkumulation bewirken, falls aber am falschen Ort eingesetzt, auch eine Mittelerosion verursachen.

Zu oft haben wir uns zu sehr auf die wirtschaftlichen Aspekte konzentriert, ohne ein hinreichendes Verständnis von den sozialen und politischen Bedingungen, von Umwelt und kulturellen Aspekten zu haben.

Wir haben nicht genug über die Gesamtstruktur nachgedacht, die ein Land benötigt, um sich auf integrierte Weise zu dem Wirtschaftstyp zu entwickeln, der von seinen Bürgern und seiner Regierung gewählt wird. Wir haben nicht genug über die Verwundbarkeit nachgedacht _ über jene Teile eines Wirtschaftssystems, die sämtliche Bausteine zum Einsturz bringen können. Oder über die Nachhaltigkeit _ darüber, was erforderlich ist, damit soziale und wirtschaftliche Umgestaltungen dauerhaft sind. Ohne Nachhaltigkeit können wir zwar eine neue internationale Finanzarchitektur aufbauen, aber wir werden ein Haus auf Sand gebaut haben.

Herr Vorsitzender, lassen Sie mich ein Konzept vorschlagen, das sich einigen dieser Anliegen zu widmen sucht.

Der IWF hat einen Gesamtrahmen, den er jährlich zusammen mit seinen Mitgliedsländern überprüft, einen Rahmen, den Finanzminister _ wir alle _ verwenden, um die makroökonomischen Leistungen eines jeden Landes zu beurteilen und über sie nachzudenken.

Heute, unmittelbar nach der Krise, brauchen wir einen zweiten Rahmen, einen Rahmen, der sich mit dem Fortschritt der strukturellen Reformen beschäftigt, die für langfristiges Wachstum erforderlich sind, der aber auch menschliche und soziale Fragen berücksichtigt, der sich mit der Umwelt befaßt, der sich mit dem Status von Frauen, mit ländlicher Entwicklung und einheimischer Bevölkerung, Fortschritt bei der Infrastruktur u.s.w. beschäftigt.

Und daher haben wir bei unseren Gesprächen in der Bank einen neuen Ansatz entwickelt, mit dem wir experimentieren. Einen Ansatz, den wir unseren Mitgliedsländern nicht aufzwingen, sondern einen, den sie mit unserer Hilfe selbst entwickeln. Einen Ansatz, bei dem wir uns „über Projekte hinaus" bewegen w





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