Click here for search results
Online Media Briefing Cntr
Embargoed news for accredited journalists only.
Login / Register

„Fragile Staaten:Die Sicherung der Entwicklung“

Also available in: Español  ,  English  ,  العربية  ,  Français

Gesperrt bis Freitag, 12. September 2008, 16.00 Uhr Genfer Zeit (1500 GMT)

 

 

„Fragile Staaten:Die Sicherung der Entwicklung“

 

 

Robert B. Zoellick

Präsident

Die Weltbankgruppe

Internationales Institut für Strategische Studien

Genf, Schweiz

12. September 2008

 

 

Einführung

 

Vielleicht fragen Sie sich, warum John Chipman den Präsidenten der Weltbankgruppe zu einem Vortrag vor dem Internationalen Institut für Strategische Studien eingeladen hat. 

 

Nun, es ist mir ein Vergnügen, hier vielen Freunden zu begegnen, doch es gibt einen besonderen Grund, warum ich vor diesem Publikum sprechen wollte. Lassen Sie mich das erklären.

 

1944 kamen die Abgesandten von fünfundvierzig Ländern in Bretton Woods, New Hampshire zusammen, um die wirtschaftlichen Ursachen für den Weltkrieg auszuloten, der zu der Zeit tobte. Es war ihre Vision, nicht nur einen militärischen Sieg zu erringen, sondern auch – im Gegensatz zu ihren Vorgängern 1919 in Paris – den Frieden zu sichern.

 

Diese Generation hatte wie jede andere auch ihre festgefahrenen Einstellungen, ihre unterschiedlichen Sichtweisen und konnte nicht vorhersehen, was die Zukunft wohl bringen würde. Aber sie wusste um die Verknüpfung zwischen Volkwirtschaft, Regierungsführung und Sicherheit.

 

Die Teilnehmer der Konferenz von Bretton Woods vereinbarten die Gründung der Internationalen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (IBRD), aus der später die Weltbankgruppe hervorging. Die Delegierten verwiesen darauf, dass „Programme zu Wiederaufbau und Entwicklung den wirtschaftlichen Fortschritt überall beschleunigen sowie politische Stabilität und Frieden fördern werden.“ Die IBRD bewilligte 1947 ihr erstes Darlehen an Frankreich. Diese Investition von 250 Mio. US-Dollar bleibt, real betrachtet, bis heute das größte Darlehen der Bank überhaupt.

 

Mehr als sechzig Jahre später hat das Wort „Wiederaufbau“ im Namen der Bank eine ganz neue Bedeutung. Gemeint ist der Wiederaufbau von Afghanistan, Côte D’Ivoire, Haiti, Irak, Kambodscha, Kosovo, Liberia, der Palästinensergebiete, der Salomonen, des südlichen Sudan, von Timor-Leste und anderen Ländern in Konflikten oder gebrochenen Staaten. Im Geschäftsjahr 2008 sagte die Weltbankgruppe fragilen und von Konflikten betroffenen Ländern mehr als 3 Milliarden US-Dollar an Entwicklungshilfe zu.

 

Wenn Staaten zusammenbrechen oder von Konflikten zerrüttet werden, stellen sie Wellen der Gefahr dar. Die erste Welle bedroht die Menschen, die dort leben: durch Tod und Krankheit, wirtschaftliche Stagnation und Zerstörung der Umwelt. Eine Milliarde Menschen, darunter etwa 340 Millionen Menschen in extremer Armut, leben schätzungsweise in fragilen Staaten. Diese Länder liegen bei der Verwirklichung aller Millennium-Entwicklungsziele zurück. Diese Länder sind für etwa ein Drittel der Sterblichkeit in armen Ländern infolge von HIV/AIDS verantwortlich, machen ein Drittel der Länder aus, die kein sauberes Trinkwasser haben, und beheimaten ein Drittel der Kinder, die keine Grundschulbildung besitzen. Die Hälfte aller Kinder, die vor der Vollendung ihres fünften Lebensjahrs sterben, kommen in fragilen Staaten zur Welt. Und fragile Staaten haben eine Armutsquote von durchschnittlich 54 Prozent, während sie in anderen einkommensschwachen Ländern 22 Prozent ausmacht.

 

Die nächste Welle der Gefahr untergräbt die Nachbarstaaten durch Flüchtlinge, kriegerische Fraktionen, ansteckende Krankheiten und transnationale Verbrechensnetze, die Drogen-, Waffen- und Menschenhandel betreiben. Wie wir zuletzt in Südasien und Afrika gesehen haben, können fragile Staaten die Entstehung fragiler Regionen bewirken. Das Gedeihen einer Volkswirtschaft gestaltet sich wesentlich schwieriger, wenn sie nicht an die Nachbarn verkaufen, von ihnen kaufen, dort investieren oder schlicht die Nachbarländer durchqueren kann. Binnenländer, deren Nachbarstaaten einen Zusammenbruch erlitten haben oder erleiden, können von der Weltwirtschaft abgeschnitten werden.

 

Und wie die Welt gestern vor sieben Jahren erlebte, können gebrochene Staaten das schwache Glied in der weltweiten Sicherheit sein, wenn sie von Terroristen infiltriert werden, die inmitten der Zerstörung anwerben, ausbilden und gedeihen.

 

Das Trauma fragiler Staaten und die Verknüpfungen der Globalisierung verpflichten unsere Generation dazu, den Zusammenhang zwischen Volkswirtschaft, Regierungsführung und Sicherheit neu zu erkennen. Die meisten Kriege sind heute innerstaatliche Konflikte, und fragile Staaten bilden hierbei die Mehrzahl. Aber unser Wissen darüber, wie wir am besten reagieren sollen, ist nach wie vor mager.

 

Diese Unwissenheit ist für uns eine Gefahr. Die Krankheiten, die verzweifelten Flüchtlingsströme, Kriminalität und Terrorismus, die sich im Vakuum fragiler Staaten vermehren können, werden schnell zu Bedrohungen globalen Zuschnitts. Denken Sie auch nur einmal kurz an den Verlust, den es für die Weltgemeinschaft bedeutet, wenn eine Milliarde Menschen unter erbärmlichen Bedingungen leben muss: eine Verschwendung an menschlicher Energie, Schöpfungskraft, Erfindungsgabe und Potenzial.  

 

Fragile Staaten sind die schwierigste Entwicklungsaufgabe unserer Zeit. Diejenigen, die das Problem von Grund auf zu bewältigen versuchen, haben zweifelsohne Recht mit ihrer Warnung, dass es „keine Einheitsgröße für alle“ gibt. Nach den Worten eines Experten wäre die Erstellung eines schrittweisen Handbuchs für den Umgang mit fragilen Staaten wohl das Schlimmste, was die Entwicklungsgemeinschaft tun könnte.

 

Diese Warnung gilt jedoch für jedes Problem in Fragen der Sicherheit, Diplomatie, Politik oder Wirtschaft. Wir dürfen hier keine Formeln aufstellen, wir können und müssen besser sein und aus den Erfahrungen lernen. Mark Twain sprach dazu einmal folgende Warnung aus: „Die Geschichte wiederholt sich vielleicht nicht, aber manchmal reimt sie sich.“ 

 

Zu oft hat die Entwicklungsgemeinschaft Staaten, die von Fragilität und Konflikten betroffen waren, einfach als schwierigere Entwicklungsfälle behandelt. Ohne Zweifel können sich neue Aspekte der Globalisierung wie Klimawandel, rapide Verstädterung sowie größere Ungleichheiten innerhalb der Länder mit Fragilität und Gewalt verflechten.

 

Und doch verlangen diese Situationen einen Blick über die Entwicklungsanalyse hinaus – auf ein neues Rahmenwerk zum Aufbau von Sicherheit, Legitimität, Regierungsführung und Wirtschaft. Dabei geht es nicht um Sicherheit oder Entwicklung im gewöhnlichen Sinne. Es geht auch nicht um das, was wir unter friedensbildenden oder friedenserhaltenden Maßnahmen verstehen. Es geht um die Sicherung der Entwicklung: die Zusammenführung von Sicherheit und Entwicklung, um zunächst einmal den Übergang von der Konflikt- zur Friedenszeit zu ebnen und dann für Stabilität zu sorgen, damit die Entwicklung im Laufe eines Jahrzehnts und darüber hinaus Fuß fassen kann. Nur durch die Sicherung der Entwicklung können wir Wurzeln schlagen, die tief genug sind, um den Zyklus aus Fragilität und Gewalt zu durchbrechen.

 

Es steht sehr viel auf dem Spiel. Deshalb nannte ich kurz nachdem ich letztes Jahr Präsident der Weltbankgruppe wurde, Staaten in der Konfliktfolgezeit oder Staaten, die einen Zusammenbruch zu vermeiden suchen, als eine der sechs strategischen Aufgaben der Weltbankgruppe.

 

Heute Abend werde ich darlegen, was wir über fragile Staaten beobachtet haben, und dann Vorschläge zur Unterstützung dieser Länder unterbreiten.

 

 

Fragile Staaten verstehen

 

Lassen Sie mich zunächst ein paar Hintergrundinformationen geben. Die akademischen Analysen zur Messung, Kategorisierung oder Einstufung von Fragilität unterscheiden sich, aber drei Hauptmerkmale stechen dabei hervor: das unheilvolle Gebräu aus schlechter Regierung, Armut und Konflikten.

 

Das Department For International Development des Vereinigten Königreichs definiert fragile Staaten als solche, „in denen die Regierung der Mehrzahl ihrer Bevölkerung, einschließlich der Armen, die Kernfunktionen nicht bereitstellen kann oder will“ und legt dann die wichtigsten Dienstleistungen dar.

 

Ashraf Ghani und seine Kollegin Clare Lockhart sprechen von einer „Souveränitätslücke“, einer fehlenden Verbindung zwischen der Fähigkeit des Staates, durch Recht und Gesetz zu regieren, und seiner Fähigkeit, in der Praxis für die Bevölkerung zu sorgen. In fragilen Staaten fehlt nach ihren Worten „ein Prozess, um die Stimmen der Bürger an die Regierung heranzubringen und die Regierung ihren Bürgern gegenüber rechenschaftspflichtig zu machen.

 

Fragilität bedeutet nicht nur langsames Wachstum, sondern ein Versagen des normalen Wachstumsprozesses, so dass Armut zu einem dauerhaften Zustand wird. Schwache Regierungsführung, Korruption und Unsicherheit bilden dann eine gemeinsam Abwärtsspirale.

 

In fragilen Staaten besteht außerdem ein höheres Konfliktrisiko als in anderen Entwicklungsländern. Fragilität und Armut allein führen nicht unbedingt zu Konflikten, aber niedrige und stagnierende Löhne, Arbeitslosigkeit und ineffektive Regierungsführung können ein Umfeld erzeugen, in dem Gewalt entsteht. Dadurch erhöht sich für Banditen die Chance, jungen Männern ohne Anschluss die Verlockungen von Macht und kriminellen Gewinnen durch Brutalität anzubieten.

 

Fragile Staaten mit einem Reichtum an natürlichen Ressourcen sind besonders anfällig, weil diese Reichtümer gefährlichen Individuen etwas Wertvolles bieten, um das man kämpfen kann.

 

Paul Collier hat den Zyklus aus fehlgeschlagener Regierung, dauerhafter Armut und Bürgerkrieg besonders hervorgehoben. Er argumentiert, dass fragile Staaten in einer „Konfliktfalle“ gefangen sind, in der Gewalt die Sicherheit und institutionellen Kapazitäten schwächt, das Wachstum um etwa 2,3 Prozent jährlich reduziert, Löhne schrumpfen lässt, die Infrastruktur zerstört und Ressourcen von der Entwicklung abzweigt. Dadurch werden die Erfolge der Entwicklungsarbeit wieder aufgehoben. Und das Umfeld wird in der Konfliktfolgezeit noch anfälliger gegenüber Zusammenbrüchen als vor dem Konflikt. „Bürgerkrieg“, so Collier, „ist die Umkehrung der Entwicklung.“ 

 

Nach Schätzungen von Collier ist das Aufkeimen von Konflikten in Ländern in der Konfliktfolgezeit doppelt so wahrscheinlich wie in anderen Entwicklungsländern, und etwa die Hälfte der Länder, die sich von einem Konflikt erholen, werden innerhalb des ersten Jahrzehnts wieder von Konflikten heimgesucht.

 

Eine neuere Studie von RAND untersucht die Probleme fragiler Staaten in Bezug auf Überschneidungen zwischen Regierung, Wirtschaft und Sicherheit. Ein Zusammenbruch in einem dieser Bereiche, so die Analyse, flässt auch die anderen Bereiche zusammenbrechen. Das Ergebnis ist nicht nur eine Konfliktfalle, sondern ein Netz aus unfähiger Regierung, wirtschaftlichem Kollaps und Unsicherheit, das den Nährboden für Gewalt bildet.

 

Bei einer Betrachtung der analytischen Rahmenwerke zum Verständnis fragiler Staaten sehen wir eine Reihe von Gemeinsamkeiten, aber auch Lücken.

 

Zunächst einmal müssen wir nicht nur den Staat, sondern den Zustand seiner Gesellschaft betrachten.  

 

Die Entwicklungsgemeinschaft ist an die Arbeit mit souveränen Staaten gewöhnt: Wir sprechen davon, Staaten und die Kapazität rechenschaftspflichtiger und legitimer Regierungen aufzubauen. Aber wenn staatliche Funktionen zusammenbrechen, sind die Bürger oft gezwungen, die Souveränitätslücke auf andere Weise zu füllen. Sie wenden sich dann nicht nur an die internationale humanitäre Gemeinschaft, sondern auch an Religionsführer, Clans, Völker- oder Stammesgruppen, Kriegsherren, kriminelle oder terroristische Vereinigungen und andere. Politische, soziale, militärische oder wirtschaftliche Netze operieren auf kommunaler, regionaler oder manchmal globaler Ebene und stellen die Fähigkeit des fragilen Staatsapparats zur Effektivität und damit seine Legitimität auf die Probe.

 

Wenn der Staat die Fähigkeit verliert, die grundlegendsten Funktionen wie Sicherheit und rechtliche Ordnung bereitzustellen, oder sich durch illegale Einkommensquellen aufrechterhält, dann ist der Begriff fragiler „Staat“ fehl am Platz. Der Staat als Rechtsträger existiert dann nicht wirklich. Siehe Somalia.

 

Es ist daher wohl zutreffender, fragile Staaten als Länder aufzufassen, die in fragile Situationen verstrickt sind. Externe Faktoren können zur Fragilität beitragen, aber auch soziale, wirtschaftliche und Umweltfaktoren wie Bevölkerungsdruck, gewaltige Flüchtlingsströme, beträchtlicher Konjunkturrückgang sowie Desertifikation und fehlendes Zugehörigkeitsgefühl zu einer Nation. Um Ländern zu helfen, die in einer fragilen Situation stecken, müssen wir den Zustand ihrer Gesellschaften und der externen Kräfte, die auf sie einwirken, verstehen. In einigen Teilen der Welt, vornehmlich in Afrika, gilt es nicht nur Staaten zu bilden, sondern auch Nationen aufzubauen.

 

Des Weiteren helfen die Verbindungen und Überschneidungen zwischen schwacher Regierungsführung, Armut und Konflikt bei der Erklärung, wie Staaten über Jahrzehnte hinweg fragil bleiben können. Sie legen außerdem nahe dass wir, wenn wir diesen Ländern helfen wollen – vorrangig dadurch, dass wir ein Wiederaufleben des Konfliktes verhindern – ein wesentlich besseres Verständnis der Zusammenhänge zwischen diesen Gegebenheiten brauchen.

 

Ein erster Schritt könnte eine genauere Untersuchung möglicher Indikatoren oder Hinweise auf zivile Gewalt wie historische Spaltungen, Völker- oder Stammesfehden, Umweltfaktoren wie Dürre oder wirtschaftlicher Konflikte sein. Wenn Konflikte oft ein Wiederaufflackern früherer Gewalt bedeuten, dann müssen wir mehr Aufmerksamkeit darauf verwenden, den Konfliktzyklus zu stoppen.

 

Heute sind die friedensbildenden Bemühungen und Maßnahmen zum Wiederaufbau in der Konfliktfolgezeit die Hauptempfänger der Entwicklungshilfe. Das ist verständlich: Man kann Geber nur schwer dazu veranlassen, etwas Beachtung zu schenken, das noch gar nicht eingetreten ist. Aber Konflikt-Prävention muss ein besserer Weg sein, um Stabilität und Frieden zu sichern als die Trümmer aufzuräumen, wenn Konflikte Gesellschaften, Institutionen und Leben zerstört haben. Prävention sollte nicht als letzte Maßnahme zur Abwendung von Gewalt verstanden werden, sondern als Maßnahme, mit der Friedensvereinbarungen mit Hilfe von nachhaltiger Sicherheit und Unterstützung dauerhafte Gültigkeit bekommen. Wenn Konfliktrisiken steigen, dann muss rasch gehandelt werden, um diese zu abzuwenden. Wenn Vermittlungen möglich sind, dann brauchen wir eventuell mehr Flexibilität, um prompte Wirtschaftshilfe bieten zu können.

 

Drittens konzentrieren sich die wesentlichsten Herausforderungen auf die Schnittstellen von Regierungsführung, Wirtschaft und Sicherheit. Wir müssen ein vielfältiges Instrumentarium – Militär, Politik, Recht, Entwicklung, Finanzen und Technik – sowie eine Vielzahl an Beteiligten wie Staaten, internationale Organisationen, die Zivilgesellschaft und den Privatsektor integrieren. Das wird nicht einfach.

 

Eine Beobachtung des ehemaligen Sicherheitsberaters der USA, Anthony Lake, zeigte verblüffende Parallelen zu meiner Erfahrung auf:

 

Wenn man die schädlichen politischen Auswirkungen einer soliden Wirtschaftspolitik bei einem Treffen von Wirtschaftsplanern erwähnt, dann sieht man, wie sie ungeduldig mit den Fingern auf den Tisch trommeln. Wenn man unter Diplomaten, die eine politische Vereinbarung ausarbeiten, über die wirtschaftlichen Details spricht, dann wenden sie den Blick ab. Wenn man Politikern die Bedeutung schmerzlicher wirtschaftlicher Opfer jetzt für die wirtschaftliche Gesundheit später nahebringt, dann reißen sie alarmiert die Augen auf.

 

Um eine Zusammenführung der Disziplinen zu erleichtern, möchte ich Ihnen zehn Überlegungen unterbreiten, damit wir herausfinden können, was in fragilen Situationen zu tun ist – oder zumindest, welche Fragen wir stellen müssen.

 

 

Zehn Prioritäten

 

1) Vorrangige Ausrichtung auf den Aufbau der Legitimität des Staates

 

Bei allem sollte man die Notwendigkeit im Auge behalten, die Legitimtät des fragilen Staates aufzubauen. Um mit Clausewitz zu sprechen: Der Aufbau der Legitimität ist der Schwerpunkt der Strategie.

 

Natürlich ist Sicherheit von fundamentaler Bedeutung, doch selbst sie muss mit dem Erreichen des strategischen Zwecks in Einklang stehen. Das Gegenmodell „klären, halten und aufbauen“ kann nur dann erfolgreich sein, wenn Sicherheit mit wirksamer Regierungsführung und Entwicklung kombiniert wird.

 

Legitimität in fragilen Situationen lässt sich aber nicht einfach durch Wahlen oder Vereinbarungen zur Verteilung der Macht unter den Fraktionen herstellen. In manchen Fällen können verfrühte Wahlen sogar einen neuen Gewaltzyklus auslösen. Legitimität muss durch Leistung erreicht werden. Sie muss durch die Bereitstellung grundlegender Dienstleistungen, vor allem sichtbarer Leistungen, verdient sein: den Müll wegräumen.

 

Institutionelle Kapazitäten müssen durch folgende Maßnahmen aufgebaut werden: Bereitstellung von sauberem Trinkwasser, Hygiene, Bau einfacher Straßen, um voneinander getrennte Gebiete wieder zu vereinen, die stundenweise Versorgung mit elektrischen Strom, medizinische Grundversorgung und Prävention wie Impfungen, Jungen und Mädchen schnell wieder in die Schule schicken, wie in Afghanistan.

 

Neue Regierungen, vor allem solche, die während fortlaufender politischer Zerrüttung und Fragilität gewählt wurden, müssen sichtbare Leistungen – und nicht grandiose Pläne – vorlegen, und das schnell. Die liberianische Staatspräsidentin Johnson-Sirleaf meinte dazu kürzlich bei einem Treffen: „Ein Dollar heute ist für uns mehr wert als 50 Dollar in drei Jahren.“

 

In einigen Fällen hat der Staat vielleicht sogar eine maßgebliche Rolle beim Zusammenbruch gespielt, so dass die neue Regierung erst einmal ihre guten Absichten unter Beweis stellen muss. Praktische Verbesserungen können Menschen Hoffnung spenden, ein Gefühl von Fortschritt erzeugen, die Rechenschaftspflicht der Regierung aufbauen und zeigen, wie selbst beschränkte Ressourcen verwaltet werden können – und dabei Vertrauen und Zuversicht schaffen.

 

Die Nachhaltigkeit der Projekte ist wichtig, aber in einigen Fällen – wie bei der Bereitstellung von Saatgut, Düngemitteln und Gerätschaften für Bauern für die erste Aussaat – muss die Frage der Nachhaltigkeit eventuell in den Hintergrund treten. Das ist für einige Entwicklungsgeber nur schwer zu akzeptieren.

 

Auf dem Weg zur Legitimität ist es nicht nur wichtig, welche Dienstleistungen bereitgestellt werden, sondern auch, wer sie ausführt: Sie sollten so bald wie möglich von der Regierung und von den Einwohnern vor Ort durchgeführt werden. Diese strategische Überlegung sollte sowohl den Übergang von humanitärer Hilfe zur Entwicklung als auch die Ausgestaltung der Übergangsdienste leiten. Außenstehende können internationale Erfahrungen beisteuern, während die neue Regierung und Gemeindeorganisationen darüber entscheiden, welche Maßnahmen eingesetzt und wie diese bei ihrer Umsetzung an die Bedingungen vor Ort angepasst werden können. Selbst wenn Geber kurzfristige Ziele verfolgen, müssen sie beginnen, die Verantwortung der Ministerien und örtlichen Behörden zu stärken und schließlich an diese übergeben.

 

Die transparente Verwaltung der Ressourcen ist von entscheidender Bedeutung. Fragile Situationen sind ein Nährboden für Gerüchte und Wilderer. Das beste Gegenmittel ist die klare und wiederholte Kommunikation dessen, was die Regierung unternimmt und warum sie dies tut. In Liberia reiste ich mit Staatspräsidentin Johnson-Sirleaf zu einem der „Gemeinde“-Treffen, die sie überall im Land abhält, um die Ziele der Regierung zu erläutern, Minister vorzustellen, Fragen zu beantworten und patriotische Begeisterung für den Wiederaufbau zu wecken. Präsident Preval von Haiti ging mit gutem Beispiel voran und verabschiedete ein Gesetz, demzufolge seine Minister ihre finanziellen Vermögenswerte offenlegen müssen. Damit soll die Öffentlichkeit Korruption und Konflikte im Auge behalten können.

 

 

2) Sicherheit bieten

 

Die erste unter gleich wichtigen Leistungen für eine fragile Situation ist die Errichtung eines relativ sicheren Umfelds. Die Debatten, die ich unter gleich wohlmeinenden Sicherheits- und Entwicklungsexperten gehört habe, spiegelten die unterschiedliche Ausbildung, Erwartungshaltung und Einstellung gegenüber Systemen wider, die auf Befehlen aufgebaut wurden, statt auf Anreize und Märkte zu vertrauen. Angesichts der Verknüpfungen zwischen wirtschaftlichen Einbrüchen und Stabilität müssen Sicherheit und Entwicklung Hand in Hand gehen und sich gegenseitig verstärken. Die „Sicherung der Entwicklung“ ist denn auch eher im Sinne einer Gleichzeitigkeit denn als Abfolge zu verstehen.

 

In der Praxis bedeutet dies ein engeres Zusammenwirken zwischen Sicherheits- und Entwicklungskräften, damit sie ihre jeweiligen Interessen, Fähigkeiten und Grenzen mitteilen können. Und wie ein Beamter der kanadischen Entwicklungshilfe in Afghanistan mir einmal sagte, kann sogar der Begriff „Sicherheit“ eine ganz andere Bedeutung für einen Soldaten im Kampfanzug haben als für die Sozialarbeiterin einer NGO, die in einem Dorf lebt. Zu oft halten sich die Führungsspitzen der Fachrichtungen voneinander fern, aber ich habe bei den Leuten im Feld auch jede Menge gegenseitigen Respekts beobachtet. Die Teams für den Wiederaufbau in den Provinzen in Irak und Afghanistan liefern dafür ein gutes Beispiel.

 

Soldaten wollen eventuell nicht – oder können ihrer Auffassung nach nicht –bestimmte Punkte oder Linien wie Dörfer oder Stromleitungen, Pipelines und Straßen verteidigen. Aber ohne eine Strategie zur Minimierung von Gefahren und Störungen ist Entwicklung wohl unmöglich, und die Legitimität eines fragilen Staates wird untergraben.

 

Zahlen sind wichtig, das ist ganz deutlich. Bis zu 15.000 Militärangehörige sind in Liberia dafür zugelassen, den Frieden unter der 3,6 Millionen Einwohner starken Bevölkerung zu sichern. Die Demokratische Republik Kongo dagegen hat ungefähr dieselbe Anzahl an Friedenstruppen bei mehr als fünfzig Millionen Einwohnern in einem Land, das etwa so groß ist wie Westeuropa. Die Vereinigten Staaten lernten, dass sie mehr Kräfte brauchten, um im Irak Erfolge zu verbuchen, und die NATO braucht heute mehr Truppen in Afghanistan.

 

Wenn es uns ernst damit ist, die Abwärtsspirale aus Gewalt und staatlichen Zusammenbrüchen zu stoppen, dann müssen mehr Streitkräfte über einen längeren Zeitraum eingesetzt werden. Zum Aufbau des Vertrauens sollten die Mandate und Verlängerungen der UN-Friedenstruppen viel länger als 6-12 Monate dauern. In einigen Fällen brauchen wir vielleicht auch Mandate mit weniger Einschränkungen, so dass UN-Operationen den Ausbruch von Gewalt verhindern können.

 

Entwicklungsexperten müssen ihrerseits erkennen, dass der Einsatz von wirtschaftlichem Fortschritt zur Erhöhung der Sicherheit Priorität hat. Wenn Soldaten die wirtschaftlichen Aspekte der Sicherheit diskutieren, dann lautet ihre oberste Priorität: Arbeitsplätze, und zwar unabhängig davon, wie sie geschaffen wurden. Wenn ein Zuwachs an Sicherheit genutzt werden kann, dann müssen Entwicklungsprojekte in wirtschaftlicher Hinsicht eventuell hinter ihrer optimalen Ausgestaltung zurückbleiben – „gut genug“ statt das erste und beste. Wenn Gebiete eines Landes noch unsicher sind, dann muss die Entwicklung in kleinen Schritten durch Pilotprojekte verfolgt werden.

 

Zum Aufbau von Legitimität und Effektivität müssen internationale Partner dem fragilen Staat auch helfen, seine eigenen, verlässlichen Polizei- und Streitkräfte zu errichten und dafür zu bezahlen. Mit der richtigen Organisation und Ausbildung sind Polizei und Streitkräfte vor Ort der Schlüssel, um die Unterstützung der Öffentlichkeit und neue Erkenntnisse zu gewinnen und die Sicherheit aufrechtzuerhalten. Eine gute Polizei und Armee lohnen die Investition, denn schlecht ausgebildete Truppen oder ein Offizierscorps, das die Legitimität der Regierung nicht respektiert, wird eine schlimme Situation nur fortsetzen oder sogar noch verschlechtern. Ausbildung und Arbeitsplätze für Veteranen, die ehemalige Kämpfer zu Mitstreitern für den Wiederaufbau machen, sind ebenfalls von wesentlicher Bedeutung – und stets Mangelware.

 

 

3) Aufbau der Rechtsordnung

 

Die grundlegendste Voraussetzung für nachhaltige Entwicklung ist eine wirksame Rechtsordnung, so auch die Achtung von Eigentumsrechten. Doch die internationalen Sicherheits- und Entwicklungsgemeinschaften haben den Aufbau von Justiz- und Vollstreckungssystemen links liegen lassen. Es ist mir nicht klar, wo es international Kapazitäten gibt, um die Errichtung einfacher Gerichtshöfe zu unterstützen, in denen Streitigkeiten gelöst sowie Richter und Anwälte ausgebildet werden können, um Gefängnisse zu bauen und Polizei einzurichten. Dies alles muss jedoch unter Berücksichtigung der jeweiligen Kulturen und Rechtstraditionen geschehen. Die Bemühungen der UNDPKO, ein Büro für Rechtsordnung und Sicherheitsinstitutionen einzurichten, ist wenigstens ein Anfang.

 

Eine schlecht ausgebildete und unterbezahlte Polizei erhöht in der Regel noch die Fragilität, weil sie Räuber mit Waffen ausstattet und stärkt. In einem Großteil von Afghanistan ist das größte Sicherheitsrisiko für Geschäftsleute eine Entführung, oftmals durch die Polizei. Die positiven Ergebnisse, die mit dem Aufbau der Polizei in Bosnien erzielt wurden, scheinen die Ausnahme zu sein, die die Regel bestätigt.

 

Eine Rechtsordnung ist nicht nur entscheidend für die öffentliche Sicherheit, sie ist auch ein Schutz gegen das ernstzunehmende Risiko einer Kriminalisierung des Staates. Korrpution erhöht Fragilität und fehlende Legitimität. Der Missbrauch der Staatsgewalt zerstört Vertrauen und letzten Endes den legitimen und eigentlichen Zweck des Staates.

 

 

4) Stärkung der Eigenverantwortung auf kommunaler und nationaler Ebene

 

Eigenverantwortung beim Aufbau des Staates auf kommunaler und nationaler Ebene ist entscheidend für das Erreichen von Legitimität, Vertrauen und Effektivität.

 

Entwicklungsprogramme aus den Gemeinden, die Kontrolle über Investitionsentscheidungen für die bescheidenen Mittel für Gemeindegruppen und Kommunalverwaltungen gewähren, haben sich als erfolgreich erwiesen. Das Nationale Solidaritätsprogramm in Afghanistan ist ein gutes Beispiel. Dieses Programm wurde vor fünf Jahren von der afghanischen Regierung mit Hilfe der Weltbank ins Leben gerufen. Heute ermöglicht es mehr als 20.000 gewählten Entwicklungsräten die Zuweisung bescheidener Mittel für wichtige kommunale Vorhaben: kleine hydroelektrische Generatoren, Schulen, Straßen, Bewässerung, Erosion oder Wasserversorgung. Das Programm erreicht mehr als 17 Millionen Afghanen in allen 34 Provinzen und bringt eine wirtschaftliche Rendite von annähernd 20 Prozent.

 

Die Gemeindestrukturen, die unter Mitwirkung des Community Reintegration and Development Project der Weltbank in Ruanda errichtet wurden, bilden heute das Rückgrat für die Dezentralisierungspolitik der Regierung und wurden zur Plattform für die Umsetzung von Projekten auf mehreren Sektoren. Diese kommunalen Programme verknüpfen Selbsthilfe mit Selbstbestimmung.

 

Auf nationaler Ebene müssen Geber den Regierungen helfen, die Kapazitäten zur Nutzung des Staatshaushalts als transparentes Instrument für kohärente Planung und Rechenschaftspflicht aufzubauen. Das bedeutet, dass sowohl das Finanzministerium als auch der Kabinettsprozess gestärkt werden müssen. Der Ausgangspunkt liegt darin, bei der Entwicklung einfacher Systeme zur Finanzverwaltung, Lohnbuchhaltung und Beschaffung zu helfen. Würden statt dessen die Mittel durch einen Staatshaushalt geleitet, käme nur noch der sprichwörtliche Tropfen auf dem heißen Stein heraus. Schlimmer noch, die Hilfe könnte zu einem Aktivposten werden, um den die Menschen kämpfen.

 

Leider umgehen viele Geber, die „Ergebnisse“ sehen wollen – und zwar oft unter ihrer Flagge und nicht der der Regierung – den Staatshaushalt ganz und gar. In Afghanistan liegen zwei Drittel der Gebermittel außerhalb des Etats.

 

Wenn Geber nicht mit einer Regierung am Aufbau nationaler Rechenschaftssysteme arbeiten können, denen die Geber vertrauen, wie soll dann die Öffentlichkeit ihrer eigenen Regierung vertrauen? Denken Sie daran: Der Schwerpunkt liegt im Aufbau der Legitimität durch gute und wirkungsvolle Regierungsführung.

 

 

5) Sicherung der wirtschaftlichen Stabilität – als Grundlage für Wachstum und Chancen

 

Makroökonomische Stabilität ist eine Voraussetzung für effektive Gesundung. Länder müssen die Grundlagen beherrschen: Fiskal-, Geld- und Wechselkurspolitik. Nur so entstehen stabile Wirtschaftsverhältnisse, in denen Märkte expandieren können, der Handel wieder aufblüht, die Menschen ihrer Währung als Wertgarantie vertrauen und Investoren mehr Sicherheit beim Sparen und Bauen empfinden.

 

Wir müssen jedoch auch erkennen, dass fragile Staaten genau das sind: fragil, empfindlich, vor allem gegenüber plötzlichen Schocks. Sie brauchen spezialisierte Überwachung in Echtzeit, die sich ändernde äußere Umstände – etwa rapide ansteigende Nahrungsmittel- und Energiepreise – bewerten und darauf reagieren kann, und zwar schnell und mit flexibler Unterstützung. Reformen für wirtschaftliche Stabilität müssen den politischen Zyklen folgen, damit keine Regierungskrisen ausgelöst werden, die eine Wirtschaftsreform unmöglich machen.

 

Die internationalen Finanzinstitutionen – so der IWF und die Weltbankgruppe – brauchen ein Instrumentarium, damit sie rasche Hilfe leisten können, etwa durch die Beseitigung von Zahlungsrückstanden, und die Lücken umgehend füllen, zum Beispiel für Regierungskapazitäten, Nahrungsmittel oder Unterstützung bei der Zahlungsbilanz.

 

 

6) Die politische Wirtschaft im Auge behalten

 

Wirksame Anstrengungen zur Behandlung von Fragilität und Konflikten müssen in einer politischen Wirtschaft verankert sein, die nachhaltig den Frieden sichern kann. Das bedeutet, dass die Beziehungen zwischen Macht und Reichtum in einer Gesellschaft berücksichtigt werden müssen. Konflikt und Instabilität können schließlich ein lukratives Geschäft für die Mächtigen sein, die die staatlichen Ressourcen ausbeuten oder von der Gewalt profitieren. Wenn Verknüpfungen zwischen politischer Macht und illegaler Wirtschaftsaktivität entstehen, dann können sie der legalen Volkswirtschaft die Wachstumschancen entziehen, den Staat um seine Einkünfte bringen und beide der Legitimität berauben. Besonders gefährlich ist dies in Ländern mit einem Reichtum an natürlichen Rohstoffen.

 

Wirtschaftliche Anreize für Stabilität und Frieden sind unter Umständen nicht ausreichend, wenn die Geber nicht genau wissen, wer von den Friedensvereinbarungen profitiert und wer verliert. Geber müssen die Geschichte eines Landes und seiner Bevölkerung verstehen, sie müssen wissen, wer die Macht besitzt und wie Macht verteilt und genutzt wird, sowie die Beziehung zwischen diesen Beziehungen und den formellen Institutionen kennen. Dieses Wissen ist für diejenigen, die in traditionelleren Entwicklungsdisziplinen ausgebildet wurden, oftmals nicht leicht verfügbar. Doch zu viele perfekte Wirtschaftspläne sind an ihrer politischen Undurchführbarkeit gescheitert.

 

Die Herausforderung für die Geber wächst, wenn die Technokraten, die zu Beginn des Wiederaufbaus vielleicht das Sagen haben, an die politische Führung übergeben. Leider halten Entwicklungstechnokraten oft nicht viel von der Kunst und den Kompromissen der Politik. Gleichzeitig braucht eine neue politische Führungsriege, die im Kampf oder im Exil groß geworden ist, Unterstützung und etwas Geduld beim Erlernen ihrer neuen Aufgaben und Zuständigkeiten.

 

 

7) Einengung des Privatsektors

 

Es ist wichtig, dass wir bei aller Ausrichtung auf den Aufbau der Legitimität, Kapazität und Leistungskraft des Staates nicht den nachhaltigen Motor für Gesundung und Wachstum übersehen: einen gesunden Privatsektor.

 

Die Entwicklung des Privatsektors und die Schaffung von Kleinbetrieben fördern Investitionen, Arbeitsplätze, Chancen und Hoffnung. Sie befähigt den Markt, lokale Bedürfnisse nach Nahrungsmitteln, Grundversorgung oder Dienstleistungen zu erfüllen. Ein gesunder Privatsektor wird schließlich eine nachhaltige Einkommensquelle für eine legitime Regierung darstellen.

 

Bis zu einem gewissen Grad kann die Entwicklung des Privatsektors sogar ohne einen formalen rechtlichen Rahmen und ohne Finanzsektoren erfolgen, indem sie auf private Gelder und Überweisungen aus dem Ausland setzt. Der Schutz von Eigentumsrechten durch traditionelle Institutionen und Netzwerke kann helfen, was wir gerade im Norden Somalias sehen. Aber frühzeitige Bemühungen, die Hinweise auf den Wert geben, den die Regierung Investitionen in die Zukunft beimisst – durch Arbeit oder Kapital – sind wichtig. Durchsetzbare Eigentums- und Vertragsrechte sowie eine grundlegende Sicherheit, die die Ausbeutung von Geschäften verhindert, bilden die Grundlage. Transparente und einfache Regeln senken die Betriebskosten und befähigen Menschen, ohne Furcht vor staatlichen Beschlagnahmungen ein Unternehmen zu gründen.

 

Angesichts der Risiken und Ungewissheiten, die Investitionen in der Konfliktfolgezeit mit sich bringen, brauchen fragile Staaten eine Kombination aus öffentlicher und privater Unterstützung. Eine Institution wie die Weltbankgruppe kann durch ihren Arm im Privatsektor, die International Financial Corporation, Investitions- und Beratungsdienste bereitstellen, bei der Bewertung des Investitionsklimas helfen, grundlegende Finanzdienstleistungen und Mikrokredite entwickeln, zu besserer Regierungsführung und Rechtsordnung aufrufen und ein Umfeld für Aktivitäten im Privatsektor schaffen.

 

Wir müssen innovativere Modelle für die Finanzierung öffentlichen und privaten Kapitals zum Aufbau einer grundlegenden Infrastruktur entwickeln: Kraftwerke, Häfen, Kommunikation, Transport und Energiesysteme. Die Konfliktfolgezeit ist nicht zuletzt eine Chance für die Entwicklung kleiner und mittelständischer Betriebe.

 

Wir müssen außerdem anerkennen, dass Risiko einfach ein Faktor im Umgang mit fragilen Staaten ist. Wir müssen darauf gefasst sein, dass das eine oder andere Projekt in diesen Ländern scheitert, solange es hauptsächlich darum geht, Chancen zu schaffen.

 

 

8) Übergreifende Koordination mit Institutionen und Beteiligten

 

Staaten, internationale Institutionen, Stiftungen, regierungsfremde Organisationen (NGOs) und der Privatsektor haben eine Rolle bei der Unterstützung dieser Länder zu spielen. Aber ohne größere Koordination und Integration der Maßnahmen werden wir genau die Regierungen überwältigen, denen wir helfen wollen.

 

Ein Entwicklungsland zählt im Durchschnitt 260 Besuche von Gebern pro Jahr. Kambodscha hat 22 verschiedene Geber im Gesundheitssektor, die 109 separate Projekte betreuen. Im Jahr 2006 leiteten Geber in allen Entwicklungsländern insgesamt 70.000 Hilfstransaktionen, wobei die durchschnittliche Projektgröße 1,7 Mio. USD betrug. Diese Überbeanspruchung stellt eine gewaltige Belastung für das Reformteam eines Entwicklungslandes dar. In einem fragilen Staat kann sie ein kleines Team überwältigen, das Zeit für die Zusammenarbeit mit Kollegen und Landsleuten braucht. Wir können uns auch selbst ein Bein stellen, wenn wir es unseren nationalen Partnern erleichtern, einen Beteiligten gegen den anderen auszuspielen.

 

Wir brauchen gemeinsame Beurteilungen, die den notwendigerweise dynamischen Prozess der Ausbalancierung von Sicherheit, Regierungsführung und Entwicklung widerspiegeln – stets mit Blick auf den Aufbau der Legitimität. Wir brauchen gemeinsame Richtwerte, um die Konvergenz von Strategien zu fördern. Und die Länder brauchen Geber, die größere Interoperabilität schaffen: zum Beispiel die UN und die Weltbank oder die Weltbank und die EU. Geber müssen auch eine sinnvolle Arbeitsteilung schaffen, Synergien nutzen und bewährte Praktiken austauschen.

 

Ein verstärkter Einsatz von Trust Funds – in denen die Geber ihre Mittel zusammenlegen – könnte die Verwaltungslast für schwache Regierungen verringern, die viele verschiedene Geberverfahren bedienen müssen. Darüber wird derzeit in der Europäischen Kommission, die diese Treuhandfonds befürwortet, und unter einigen Mitgliedsländern und Europäischen Parlamentariern heftig debattiert. Die Vereinigten Staaten und Japan zeigen gegenüber diesen Trust Funds ebenfalls Zurückhaltung.  

 

Eine vielfältigere Gruppe an Partnern könnte letzten Endes die Unterstützung für diese Länder erweitern. Brasilien führt die UN-Friedenstruppen in Haiti an. Chinesische Investoren sind eine wachsende Finanzquelle in Entwicklungsländern, darunter viele fragile Staaten, und chinesische Friedenstruppen dienen in einer größeren Anzahl von UN-Operationen. Die größten Länder Südasiens leisten seit langem ihren Beitrag zu Blauhelmeinsätzen. Und die Entwicklung wirksamerer und größerer Friedenstruppen in der Afrikanischen Union würde von großem Nutzen sein, vor allem, wenn sie gemeinsam mit den Kräften und logistischen Netzen der Industrienationen eingesetzt werden können.

 

 

9) Berücksichtigung des regionalen Kontexts

 

Staaten in fragilen Situationen können sowohl die Ursache für regionale Unruhen als auch der Gegenstand von Manipulationen durch Nachbarländer sein.

 

Die erfolgreiche Beilegung von Konflikten innerhalb der Landesgrenzen reicht zur Schaffung eines dauerhaften Friedens manchmal nicht aus. Wir müssen die Konsequenzen grenzüberschreitender Verbindungen durch Stämme oder Volksgruppen, religiöse oder andere transnationale Gruppen, die Bewegung der Bevölkerung, Handels- und Schmuggelrouten, Drogen- und Verbrechenskartelle oder politische Verknüpfungen erkennen. Diese Verbindungen können die Grundlage für Feindseligkeiten oder aber der Schlüssel zu deren Lösung sein.

 

Die Lösung von Konflikten erfordert einen regionalen Ansatz, der Nachbarländern positive Anreize bietet und versucht, plündernde Nachbarn abzuhalten. Es gibt einige erfolgreiche Beispiele, etwa die Unterstützung der EU beim Wiederaufbau im Balkan durch den Anreiz einer Mitgliedschaft in der EU, die Rolle der Wirtschaftsgemeinschaft Westafrikanischer Staaten (ECOWAS) in Sierra Leone und Liberia, die nicht zuletzt durch die Bereitstellung regionaler Friedenstruppen zustande gekommen ist. Anfänglich schien der Bonner Prozess für Afghanistan die Anerkennung gemeinsamer Interessen am Abbau von Handelsschranken, an der Investition in Energie und Transport, an der Kontrolle illegaler Drogen und die Zusicherung der politischen Nicht-Einmischung zu fördern, aber diese Erfolge sind in ernstzunehmendem Maße geschrumpft. Mit der Stärkung ihrer Legitimität hat die neue Regierung Anstrengungen unternommen, sich mit ihren Nachbarn zu arrangieren.

 

 

10) Anerkennung eines langfristigen Engagements

 

Das sind keine Länder, die sich schnell reparieren lassen. Die Unterstützung ist auf lange Sicht gefordert. Zu Beginn einer Konfliktbeilegung strömen Geld und humanitäre Hilfe in die glücklicheren Länder, und dabei oft mehr, als der Staat aufnehmen kann. Aber wie in Timor-Leste 2006 gesehen, lässt die Hilfe nach und die Aufmerksamkeit richtet sich auf eine andere Krise, sobald der „CNN-Moment“ vorüber ist. In Haiti erzeugte dieses Muster aus Beachtung und Nichtbeachtung den Eindruck, dass Außenstehende sich nicht wirklich für eine langfristige Gesundung einsetzten – was Plünderern Oberwasser gab.

 

Wenn wir die Probleme von Ländern in fragilen Situationen oder in der Konfliktfolgezeit ernst nehmen, dann müssen wir über ad hoc und post hoc Hilfe hinausgehen. Wir müssen die Steuerung von Geberkonferenzen in der unmittelbaren Folge eines Konflikts neu überdenken, so dass wir nicht hohe Zahlen verkünden, die die Aufnahmekapaziät übersteigen und Erwartungen erzeugen, die später nur zu Enttäuschungen führen. Finanzierungsmechanismen müssen die Kontinuität und Stabilität der Mittel über ein Jahrzehnt oder länger sicherstellen. Das bedeutet, dass die Erwartungen der Geber gesteuert und bei manchen Organisationen die Finanzierungsvorgaben für fragile Staaten und Länder in der Konfliktfolgezeit geändert werden müssen. Die Weltbank ist zum Beispiel durch die Zuteilungsformel gebunden, die unsere Geber für die International Development Association (IDA), unsere größte Quelle stark konzessionärer Finanzhilfe, festlegen. (Dabei handelt es sich um Fördermittel oder langfristige Darlehen mit einer Karenzzeit von 10 Jahren und ohne Zinsgebühren.)  

 

Aber diese Arbeit ist nicht nur eine Frage des Geldes. Die Unterstützung fragiler Staaten bedeutet auch, stets die Anzeichen von Fragilität und Konflikten im Auge zu behalten und den unzähligen Risiken zu begegnen, die die Sicherheit, Regierungsführung, Entwicklung – und die Legitimität – bedrohen.

 

 

Schlussbemerkung

 

Es gibt viele dringende Anliegen, die der Beachtung durch das IISS im Rahmen seiner Global Strategic Review wert sind. Der Aufstieg neuer Mächte. Die Verbreitung von Kernwaffen. Klimawandel. Wettbewerb um natürliche Rohstoffe. Hochmoderne Technologien und militärische Verwandlungen.

 

Aber denken wir doch einmal darüber nach, wo viele Truppen heute ihren Einsatz tun. Sei es aus nationalem Interesse oder aus humanitären Gründen, auf Grund regionaler Instabilitäten, zur Füllung instabiler Vakuen oder um das Entstehen und Gedeihen von Terrorismus zu verhindern – fragile Staaten sind ein wichtiges Einsatzgebiet.

 

Die Streitkräfte haben Fortschritte bei Strategien zur Bekämpfung von Aufständischen, in ihren Einsätzen und ihrer Ausbildung erzielt. Und doch ist der militärische Arm nur ein Mittel, das mit den politischen und ökonomischen Kapazitäten integriert werden muss, wenn es erfolgreich sein will. Letzten Endes aber sind die Menschen das wichtigste Element in fragilen Staaten oder Ländern in der Konfliktfolgezeit. Und die, die Krieg geführt haben, müssen Frieden schließen.

 

Soldaten und Hilfsdienste müssen zusammenarbeiten, damit die Menschen in diesen Ländern nicht länger Opfer sind, sondern zu einer treibenden Kraft für die Gesundung werden. Ohne diese Zusammenarbeit sind die Bemühungen zur Rettung fragiler Staaten zum Scheitern verurteilt, und die Konsequenzen müssen wir alle tragen.

 

Wir wissen heute kaum, wie wir die Entwicklung sichern können, um Sicherheit, Regierungsführung und die Wirtschaft möglichst effektiv zu gestalten.

 

Ich habe Entwicklungshilfe- und Finanzminister, Fachleute und Praktiker immer wieder dazu aufgefordert, mit einer neuen Sichtweise an fragile Staaten heranzugehen und andere Disziplinen mit einzubeziehen, um deren Erfahrungen und Erkenntnisse besser zu verstehen.

 

Die Weltbank organisiert „Headline-Seminare“, um unser Verständnis und unsere Arbeit zu fragilen Staaten zu vertiefen. Dazu bringen wir Teilnehmer aus unterschiedlichen Disziplinen zusammen, veröffentlichen Mitteilungen zu bewährten Praktiken und Forschungsergebnisse, stellen eine Beratungsgruppe zusammen und überdenken unsere Verfahren, Schulungsmaßnahmen, Ressourcen und Unterstützung. Ich hoffe, dass uns das IISS helfen kann, den Austausch zwischen Sicherheitsspezialisten, Experten in Regierungsführung, Entwicklungspraktikern und politischen Führern zu intensivieren.

 

Eine der strategischen Herausforderungen für die Weltbankgruppe ist die Modernisierung des Multilateralismus: Wir müssen die multilateralen Institutionen und Regelwerke, die zum Teil vor mehr als 60 Jahren geschaffen wurden, modernisieren, damit sie den Anforderungen einer völlig anderen Ära gewachsen sind. Beide Präsidentschaftskandidaten der USA haben sich zu einer Stärkung des multilateralen Ansatzes Amerikas in der Außenpolitik geäußert. Die Zeit ist reif, und die Gefahren – und Chancen – in fragilen Staaten werden für uns alle auf der Tagesordnung stehen.

 





Permanent URL for this page: http://go.worldbank.org/WCS9RSMCE0