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Sicherheit für das 21. Jahrhundert

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James D. Wolfensohn

Präsident

Weltbank-Gruppe

Rede vor dem Gouverneursrat

Washington, D.C.

3. Oktober 2004

 

Verehrter Herr Vorsitzender, sehr geehrte Gouverneure, sehr verehrte Gäste,

 

Heute, im 60. Jahr nach Gründung der Bretton-Woods-Institutionen [Internationale Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (IBRD) und Internationaler Währungsfonds], möchte ich Sie herzlich bei der Jahrestagung willkommen heißen.

 

Ich begrüße meinen neuen Kollegen Rodrigo de Rato, den neuen Geschäftsführenden Direktor des Internationalen Währungsfonds. Wir haben unsere enge Zusammenarbeit bereits aufgenommen. Dabei habe ich seine Erfahrung und sein Urteilsvermögen sehr rasch schätzen gelernt. Meine Kollegen und ich möchten überdies meinem Freund Horst Köhler zu seiner Wahl zum deutschen Bundespräsidenten gratulieren und ihm danken, dass er die Arbeit unserer beiden Institutionen so tatkräftig unterstützt hat.

 

            Die Weltbank-Gruppe blickt auf eine lange Geschichte zurück, die uns mit Stolz erfüllt. Nach dem 2. Weltkrieg beteiligten wir uns am weltweiten Wiederaufbau und widmeten uns später unserer neuen Aufgabe, die Armut in aller Welt zu verringern. Wir sind stets für ein von Gerechtigkeit geprägtes Wachstum eingetreten.

 

            Mit nur 11 Milliarden US-Dollar, die uns in Form von Beiträgen der IBRD-Anteilseigner zuflossen, konnten Kredite über fast 400 Milliarden US-Dollar möglich machen. Die 1956 gegründete Internationale Finanz-Corporation hat Schwellenländern Mittel in Höhe von 67 Milliarden US-Dollar zur Verfügung gestellt. Die Multilaterale Investitions-Garantie-Agentur hat Bürgschaften im Volumen von 13,5 Milliarden US-Dollar geleistet. Das Internationale Zentrum zur Beilegung von Investitionsstreitigkeiten wiederum konnte in 159 Fällen dazu beitragen, Streitigkeiten beizulegen. 

                       

            Mit Hilfe der Beiträge der Geber und der Rückflüsse von Kreditnehmern konnte die Internationale Entwicklungsorganisation (IDA) Zusagen in Höhe von 151 Milliarden US-Dollar machen. In den Ländern, die IDA-Mittel in Anspruch nehmen können, leben 80 Prozent der ärmsten Menschen der Welt, die ihren Lebensunterhalt mit 1 US-Dollar pro Tag oder weniger bestreiten müssen. Die IDA ist in der Tat ein bemerkenswertes Instrument, das sich Effektivität und Verantwortungsbewusstsein auf die Fahnen geschrieben hat. Ich hoffe, dass unsere Anteilseigner ihre Beiträge bei der nächsten Auffüllung aufstocken werden.

 

Wir müssen die Stärke der IDA bewahren.

 

            Stolz blicke ich auf unsere Erfolge in den letzten 10 Jahren zurück. Wir mögen zwar unseren 60. Geburtstag feiern, doch wir sind jung geblieben. Wir sind eine vereinte Institution, eingeschworen auf unser Ziel—den „leidenschaftlichen Kampf gegen die Armut“.

 

Wir wollen unsere Klienten als Partner unterstützen und dabei ihre Kultur und ihre Wünsche respektieren. Denn auch bei uns herrscht Vielfalt, unsere Mitarbeiter stammen aus mehr als 140 Nationen.

 

Mehr als zwei Drittel unserer Länderdirektoren sind heute im Feld tätig. Unsere Büros sind per Satellit miteinander vernetzt, Videokonferenzen und Lernen selbst über größte Entfernungen sind feste Bestandteile unseres täglichen Lebens. Damit sind wir eines der modernsten globalen Unternehmen.

 

            In all den Jahren haben wir stets versucht, unseren Klienten, also den Ländern, das Ruder in die Hand zu geben. Wir hören mehr zu und dozieren weniger. Und wir scheuen uns nicht, selbstkritisch zu sein.

 

Wir stellen Finanzierungen für Projekte und unser Wissen bereit und bieten Klienten an, unsere weltweite Erfahrung zu nutzen. Unser kräftig erweitertes World Bank Institute spielt in diesem Zusammenhang eine zentrale Rolle. Gleiches gilt für das Development Gateway, eine verbundene Organisation, die über das Internet Informationen über Entwicklungsprojekte sowie eine Zusammenfassung unserer Erfahrungen zur Verfügung stellt. 

 

            Wir haben unseren Entwicklungsansatz erweitert, um ihn umfassender zu gestalten. So haben wir auf das Schuldenproblem mit der Schaffung der Entschuldungsinitiative zugunsten der ärmsten Entwicklungsländer (HIPC-Initiative) reagiert und gehen in Zusammenarbeit mit Regierungen in mehr als 100 Ländern gegen die Korruption vor. 

 

          Unsere Strategie ruht auf zwei Säulen: Investitionen in Menschen und Schaffung eines stabilen Wirtschaftsklimas, damit Investitionen gefördert und Arbeitsplätze geschaffen werden.

Die Kooperation mit dem privaten Sektor ist ein zentraler Bestandteil der Tätigkeit unserer Gruppe. Die Unterstützung und die Kritik der tatkräftigen Zivilgesellschaft in aller Welt kommen uns weiterhin zugute. 

 

            Bei der Entwicklung geht es um Menschen. Wir legen den Schwerpunkt auf die wichtige Rolle, die die Frauen und die Jugend bei der Entwicklung spielen, und auf die besonderen Bedürfnisse indigener Gemeinschaften, der Roma und anderer ausgeschlossener Minderheiten. Wir kümmern uns intensiv um die besonderen Belange von Menschen mit Behinderungen. 

 

Die Umwelt ist ebenfalls ein zentraler Aspekt unserer Arbeit, denn wir wissen, dass eine echte, dauerhafte Entwicklung ohne den Schutz unseres Planeten einfach unmöglich ist. 

 

            Wir wissen, dass wir Effektivität nur durch partnerschaftliche Zusammenarbeit mit anderen erreichen können. Zu diesem Zweck sind wir auf die Vereinten Nationen und alle anderen multilateralen und bilateralen Organisationen zugegangen. Um unsere Effektivität weiter zu erhöhen, arbeiten wir verstärkt an der Harmonisierung mit anderen.

 

            Wir haben viel zu tun. Es hat den Anschein, als würde die Liste der Herausforderungen und Probleme niemals enden.  Dennoch wurden bereits große Fortschritte erzielt und ich möchte allen meinen Kollegen für ihre hervorragende Arbeit und ihren Einsatz danken. Es gibt wohl niemanden, der mit größerem Engagement und besseren Fähigkeiten auf eine bessere Welt hinarbeitet, als das Team der Weltbank-Gruppe.

 

            Ich möchte ferner den Mitgliedern des Exekutivdirektoriums und ihren Vorgängern für ihre zahlreichen konstruktiven Beiträge meine zutiefst empfundene Anerkennung ausdrücken. Sie spielen eine entscheidende Rolle, die zuweilen dadurch, dass sie sowohl Führungskräfte der Institution als auch Vertreter ihres Landes sind, sicher nicht leichter wird.

 

Eine unsichere Welt

 

Bei früheren Jahrestagungen äußerte ich mich Ihnen gegenüber zu zahlreichen Themen, etwa zum Problem der Einbeziehung, zum Krebsgeschwür der Korruption, zur Bedeutung einer umfassenden Entwicklung und zur Notwendigkeit, ein neues globales Gleichgewicht zwischen Arm und Reich zu schaffen.

 

Heute möchte ich auf die womöglich schwierigste Herausforderung der kommenden Jahre eingehen. Was können wir tun, um die großen Probleme der Welt besser anzugehen: Armut, Ungerechtigkeit, Umweltschutz, Handel, Drogenmissbrauch, Migration, Krankheiten und—natürlich—Terrorismus? 

 

In diesem Jahr verzeichnen wir ein Rekordwirtschaftswachstum. Und dennoch beschleicht uns mit Blick auf die Zukunft in zunehmendem Maße ein Gefühl der Unsicherheit. Tief in unserem Innern nagt eine gewisse Besorgnis darüber, in welche Richtung sich die Welt wohl entwickelt. 

 

Um die gewaltigen Veränderungen gegenüber den letzten Jahren zu begreifen, brauchen wir nur einen Blick auf die Betonsperren zu werfen, die diese Gebäude umgeben. Sie sollen keine Demonstranten abwehren. Sie sollen Schutz vor Terroristen bieten. Auf einem Computer in Pakistan fand man Beweise, dass Weltbank und IWF Ziele der El-Kaida sind. Die Terrorgefahr bedroht nun also auch uns.

 

In jüngster Zeit haben wir Dinge gesehen, die uns an der Menschlichkeit in der Welt zweifeln lassen.  Die blutigen Kriege in Afghanistan, dem Irak und weiten Teilen Afrikas. Der unfassbare Völkermord und die Hinrichtungen in Darfur. Schändliche Terroranschläge in Bali und Madrid. Zunehmende Gewalt zwischen Israelis und Palästinensern im Gaza-Streifen und dem Westjordanland. Wir mussten mit ansehen, wie in Beslan Kinder als Geiseln genommen und hinterrücks erschossen wurden. In Bagdad werden unschuldige Menschen vor laufenden Kameras grausam enthauptet.   

 

Folglich wächst unsere Besorgnis mit Blick auf die Sicherheit.  Es ist absolut richtig, dass wir den Terrorismus gemeinsam bekämpfen. Wir müssen es tun. Es besteht jedoch die Gefahr, dass wir in unserer Besorgnis über unmittelbare Bedrohungen die längerfristigen und ebenso dringlichen Probleme aus den Augen verlieren, die Ursachen für die heutige unsichere Welt sind: Armut, Frustration und Hoffnungslosigkeit.

 

In den vergangenen zehn Jahren haben Elaine und ich mehr als 100 Länder besucht. Überall sind wir mit armen Menschen zusammengetroffen, in Dörfern und Barackenstädten, in entlegenen ländlichen Gebieten und in Slums.

 

So wie wir alle in diesem Saal wollen auch sie in Sicherheit und Frieden leben. Frauen wollen, sowohl innerhalb als auch außerhalb der eigenen vier Wände, ein Leben führen, das frei von Gewalt ist. Sie wollen Bildung für ihre Kinder. Sie wollen Mitspracherecht und Respekt. Sie wollen ihre kulturelle Integrität bewahren. Sie wollen Hoffnung.

 

Sie wollen Sicherheit—wenngleich sie „Sicherheit“ anders definieren als wir.  Für sie ist Sicherheit keine Frage von Betonsperren oder militärischer Schlagkraft. Für sie ist es die Chance, der Armut zu entrinnen.

 

Wenn wir Stabilität auf unserem Planeten wollen, müssen wir den Kampf aufnehmen, um die Armut aus der Welt zu schaffen. Seit der Bretton-Woods-Konferenz wurde durch die Pearson-Kommission, die Brandt-Kommission und die Brundtland-Kommission sowie durch Aussagen von Staats- und Regierungschefs bei der Millennium-Versammlung 2000—und auch heute noch—immer wieder bekräftigt, dass die Beseitigung der Armut unverzichtbar ist für Stabilität und Frieden. 

 

Und auch heute ist dieses Problem noch immer brandaktuell.

           

Wir können die Herausforderung meistern

 

Wir wissen, dass Entwicklungspolitik Wirkung zeigt. Allein in den letzten beiden Jahrzehnten ist der Anteil der Menschen, die weltweit in Armut leben, um rund die Hälfte gesunken—von 40 Prozent auf 21 Prozent. In den letzten vier Jahrzehnten ist die Lebenserwartung in Entwicklungsländern um 20 Jahre gestiegen und die Analphabetenquote unter Erwachsenen hat sich auf 22 Prozent halbiert. 

 

Gemeinsam mit dem Chefökonom der Bank, Francois Bourguignon, habe ich für diese Jahrestagung ein Papier verfasst, das auf die entwicklungspolitischen Erfahrungen der letzten zehn Jahre zurückblickt und zugleich einen Blick nach vorn auf die Herausforderungen der Zukunft wirft. (Im Internet unter: http://www.worldbank.org/ambc/lookingbacklookingahead.pdf.)

 

Auf diesen Erfahrungen können wir aufbauen. Bei einer Konferenz in Schanghai, die wir Anfang dieses Jahres gemeinsam mit der chinesischen Regierung veranstalteten, schilderten Entwicklungsländer ihre Erfahrungen im Zusammenhang mit der Frage, was funktioniert und was nicht. Mehr als 100 Fallstudien haben gezeigt, dass wir den Entwicklungsprozess erheblich beschleunigen können, wenn die Armen als Förderer des Wandels, nicht als Empfänger von Almosen behandelt werden.

 

Viele von Ihnen nahmen an den Tagungen in Doha, Monterrey und Johannesburg teil.  Die Industrieländer machten Zusagen in den Bereichen Hilfen, Handel und Schuldenerlass. Ich möchte hinzufügen, dass wir die Vorschläge zu Hilfsleistungen und zum Schuldenabbau, die von den Vereinigten Staaten, dem Vereinigten Königreich, Frankreich, Brasilien und anderen Ländern unterbreitet wurden, vehement unterstützen. Die Entwicklungsländer versprachen ihrerseits, mehr zu unternehmen, um Kapazitäten und Institutionen zu schaffen, die rechtlichen und juristischen Rahmenbedingungen zu stärken, die Finanzsysteme und die Transparenz zu verbessern und die Korruption zu bekämpfen.

 

Im kommenden Jahr werden wir bei den Vereinten Nationen zusammenkommen, um uns ein Bild von den Fortschritten bei der Verwirklichung der Millenniums-Entwicklungsziele zu machen—und bis 2015 bleiben uns nur noch 10 kurze Jahre. Dank China und Indien wissen wir, dass das allgemeine Ziel, die Armut zu halbieren, wohl erreicht werden dürfte. Allerdings wissen wir bereits heute, dass die meisten anderen Ziele in den meisten Ländern nicht verwirklicht werden. Insbesondere Afrika wird gewaltig hinterherhinken.

 

Was also werden wir dagegen unternehmen? Was werden unsere Kinder dagegen unternehmen, dass unsere Welt bis 2015 noch weiter aus dem Gleichgewicht zu geraten—und noch unsicherer zu werden—droht, als sie es heute ohnehin schon ist? 

 

Ich bin der Überzeugung, Herr Vorsitzender, dass wir als internationale Gemeinschaft unseren Einsatz erhöhen müssen. Wir müssen uns bemühen, den Umgang mit den zentralen Probleme der Welt zu verbessern, die über unsere Zukunft entscheiden werden. Meines Erachtens gibt es drei unbedingte Prioritäten:

 

·        Schutz des Planeten durch einen besseren Umgang mit der Umwelt,

·        Intensivierung des effektiven Armutsabbaus und

·        Neue Wege in der Bildung für unsere Jugend, um sie für das 21. Jahrhundert zu rüsten—und ihnen Hoffnung zu geben.

 

Nachfolgend möchte ich kurz auf jeden einzelnen dieser Punkte eingehen.

 

Schutz unseres Planeten. Umweltverträglichkeit und Umweltschutz

 

Zunächst zum Schutz unseres Planeten. 

 

Bei der Förderung des Wachstums müssen wir uns in vollem Umfang der natürlichen Systeme bewusst sein, die die Grundlage allen Lebens sind. Wirtschaftswachstum darf nicht zu Lasten der Natur und Umwelt gehen. Sie wirken zusammen. 

           

            Wir alle müssen uns um einen besseren Schutz der empfindlichen Umwelt unseres Planeten und um die Bewältigung des Problems der globalen Erwärmung bemühen. Drei Jahrzehnte sind vergangen, seit ich an der Umweltschutzkonferenz in Stockholm teilnahm, doch wie wir die Erde seitdem ausgebeutet haben, ist erschreckend, auch wenn in einigen Bereichen Fortschritte gemacht wurden. 

 

Die Menschen in den reichen Ländern haben gewaltige Mengen von Energie verschwendet. Im Durchschnitt verbraucht ein US-Amerikaner oder Kanadier neun Mal mehr Energie als ein Chinese—und sogar zwölf Mal mehr als ein Afrikaner. Doch im Zuge des Klimawandels werden gerade die Armen in kleinen Inselstaaten, Lateinamerika, Südasien und afrikanischen Ländern südlich der Sahara von Dürre- und Flutkatastrophen am stärksten bedroht sein.

 

            Wälder werden rücksichtslos gerodet. Von allen Tierarten der Welt sind ein Viertel der Säugetiere und ein Drittel der Fische entweder gefährdet oder akut vom Aussterben bedroht. Neunzig Prozent der Großfische in den Meeren wurden bereits abgeschlachtet.

 

            Herr Vorsitzender, wir sind eindeutig besser darin, den Planeten zu bedrohen, als ihn zu schützen.

 

            Dies wurde mir vor zwei Wochen vor Augen geführt, als uns ein armer, aber stolzer Bauer besuchte, der nahe Machu Picchu im peruanischen Hochland lebt. Anlässlich der Eröffnung des National Museum of the American Indian war er wie Tausende andere Vertreter indigener Völker nach Washington gekommen. Im Rahmen der Eröffnungsfeiern für das Museum organisierten wir von der Weltbank ein Forum für Kultur und Entwicklung.

 

            Der Mann trug die traditionelle Wollmütze und Wollkleidung, sein Gesicht war von den vielen Jahren, die er im windigen Hochland gelebt hatte, gezeichnet. In seiner Muttersprache Quechua erzählte er mir, dass seine Berge „traurig“ seien. Die Gletscher, die sich über Tausende von Jahren auf ihnen gebildet hatten, waren das Lächeln auf dem Antlitz der Berge gewesen, doch nun wurden diese Gletscher Jahr für Jahr kleiner. Und weil sie abschmelzen, gibt es nicht genügend Wasser für die Seen und Flüsse. Die Tiere leiden, der jährliche Ertrag an Alpaka-Wolle ist nur noch halb so hoch wie früher. Das Einkommen der Menschen im Tal ist um 50 Prozent gesunken. Die Bauern verlassen ihre Heimat.

 

            Dieser Mann aus Machu Picchu hatte eine einfache Frage:  „Können Sie mir helfen, meine Gletscher zurückzuholen?“ 

 

Für all jene, die an den Folgen der globalen Erwärmung zweifeln, war dies ein eindringlicher Hilferuf. Für ihn handelt es sich nicht um ein abstraktes, langfristiges Problem. Für ihn ist es ein Problem, das ihn unmittelbar betrifft. Für ihn geht es um Sicherheit.

 

Möglicherweise wurde sein Hilferuf erhört. Ich begrüße es, dass sich die russische Regierung unlängst entschieden hat, das Kyoto-Protokoll zu ratifizieren. Lassen Sie uns auf dieser Initiative und anderen Signalen für eine wachsende Unterstützung aufbauen und bringen wir die Staats- und Regierungschefs dazu, sich politisch zu verpflichten, sich unserer gemeinsamen Verantwortung, die wir beim Gipfel in Johannesburg übernommen haben, zu stellen.

 

Umweltprobleme betreffen uns alle, doch Arme sind besonders anfällig. Wir müssen erneuerbaren Energien mehr Vorrang einräumen. Mit neuen, sauberen Technologien können die Armen von der Entwicklung profitieren, ohne sich mit den gleichen Umweltkosten zu belasten, mit denen die Industrieländer zu kämpfen haben. 

 

Unser Versprechen, unseren Planeten zu schützen, müssen wir halten.

 

 

Den Kampf gegen die Armut ausweiten

 

Das zweite drängende Problem, bei dem wir unsere Versprechen halten müssen, ist die Ausweitung des Kampfes zur Verringerung der Armut.

 

Die grundlegenden Fakten sind uns allen bekannt. Die Hälfte der Weltbevölkerung lebt von weniger als 2 US-Dollar pro Tag. Ein Fünftel muss sogar mit weniger als 1 US-Dollar pro Tag auskommen. Im Laufe der nächsten 30 Jahre wird die Weltbevölkerung um 2 Milliarden Menschen anwachsen—zu 97 Prozent in Entwicklungsländern, von denen wiederum die meisten in Armut geboren werden.

 

Im Laufe der letzten zehn Jahre hat sich bei der Effektivität der Entwicklungshilfe eine stille Revolution ereignet:  Die Länder sind Eigner ihrer Programme geworden, die Hilfen legen den Schwerpunkt auf eine gute Politik und die Abstimmung zwischen den Gebern hat zugenommen. Zusammen können uns diese Veränderungen helfen, die Wirkung von Hilfen in den nächsten zehn Jahren zu verdoppeln oder gar zu verdreifachen.

 

Wir können auch die Wirkung von Projekten vergrößern, um mehr Menschen zu erreichen. Wie Sie wissen, ist dies ein echtes Problem für die Bank und unsere Partner. Wir führen Projekte für den Bau von 5 Schulen oder 100 Kilometern Straße oder aber 10 Programme für örtliche Gemeinschaften durch—wir nennen sie „Wohlfühl-Projekte“, mit denen wir unser Gewissen beruhigen. Tatsächlich benötigt werden aber 5.000 Schulen oder 10.000 Kilometer Straße oder 5.000 Programme für örtliche Gemeinschaften.

 

Bei der Konferenz in Schanghai haben wir erfahren, wie wir von kleinen, erfolgreichen Projekten lernen und sie ausweiten können. Ihnen allen gemeinsam waren ein konsequentes Management über einen Zeitraum von mehreren Jahren, einfache, wiederholbare Modelle und die umfassende Beteiligung der Armen.

 

Ich habe es selbst erlebt. 

 

Im Jahr 1996 sprach ich während eines Besuchs in China mit einer Frau vom Löss-Plateau, einer trockenen Bergregion, in der wir ein Agrarprojekt förderten. Sie lebte in einer Höhle ohne Strom und fließendes Wasser und hatte kaum Aussichten auf ein besseres Leben.

 

In diesem Frühjahr hatte ich ein erneutes, sehr anrührendes Treffen mit dieser Frau und sie erzählte mir, wie sehr sich ihre Lebensumstände gebessert hatten und dass sie nun zwei Höhlen mit Türen, Fenstern, Wasser und Strom besaß. Dass sie ihrem Sohn ein Motorrad gekauft hatte. Dass ihr Sohn geheiratet hatte. Und dass sie sich nun um eine Schulausbildung für ihre Tochter bemühte.

 

Sie war einer von drei Millionen Menschen, die dank einer Reihe von 32 ähnlichen Projekten auf dem Plateau, die über einen Zeitraum von 10 Jahren umgesetzt wurden, neue Hoffnung schöpfen konnten. Projekte, die von Tausenden von Menschen umgesetzt wurden, die mit Spaten bewaffnet felsigen Boden buchstäblich in Ackerland verwandelten. Das Gebiet ist heute nicht mehr trocken und lebensfeindlich, sondern fruchtbar und reich an Feldfrüchten und Vieh.

 

Wir und unsere chinesischen Partner haben für 10 Jahre die Leitung übernommen und wiederholen den Prozess. Gleichzeitig profitieren wir von den gemachten Erfahrungen. Diese Erfahrungen werden nun andernorts in China zum Vorteil von Millionen von Menschen, die in Regionen mit Grenzertragsböden leben, in die Praxis umgesetzt.

 

            Das Botschaft ist eindeutig:  Wir können den Kampf zur Verringerung der Armut intensivieren und so die Welt sicherer machen.

 

Jugend und Bildung

 

            Armut ist für junge Menschen natürlich ein besonders wichtiges Thema—und die Jugend ist der dritte globale Problembereich, mit dem wir uns meines Erachtens dringend befassen müssen.           

 

Fast die Hälfte der Weltbevölkerung ist unter 24 Jahre alt. Von jeder zweiten der täglich 14.000 Neuinfektionen mit HIV sind junge Menschen im Alter von 15 bis 24 Jahren betroffen. Mehr als 50 Prozent der jungen Menschen im erwerbsfähigen Alter finden keine Arbeit. Mit Besorgnis erregender Regelmäßigkeit werden junge Menschen in Konflikte verwickelt, sei es als Opfer oder, was mindestens ebenso tragisch ist, als Soldaten.

 

Was können wir also für sie und für uns selbst tun, um Frieden zu schaffen? 

 

Eine Sache, die ich gelernt habe, ist, dass wir die Jugend an der Suche nach der Problemlösung beteiligen müssen. Als ich im vergangenen Monat in Sarajevo mit Jugendvertretern aus 83 Ländern zusammentraf, war ich von ihrem aufrichtigen Wunsch, eine bessere, von Harmonie, Respekt und Frieden geprägte Zukunft zu schaffen, beeindruckt. Die jungen Bosnier, Serben und Kroaten, mit denen ich sprach, wollten die Vergangenheit des Landes unbedingt hinter sich lassen. Doch sie hatten den Eindruck, dass es die Erwachsenen sind, die sie in ihrem Vorhaben behindern.  Wie im Vorjahr in Paris sagten sie mir, dass sie nicht die Zukunft sind—sondern die Gegenwart.  

 

Wir müssen unsere Jugend durch Bildung dabei unterstützen, sich eine bessere Welt zu erschaffen. Und dies beginnt bei der frühkindlichen Entwicklung—denn wie wir wissen, entscheiden die ersten sechs Lebensjahre im Großen und Ganzen über die Zukunft eines Kindes.

 

Ich bin sehr stolz darauf, dass die Bank in diesem Bereich führend ist. Wir haben mehr als 1 Milliarde US-Dollar in die Bildung der Kinder investiert und über unsere Website machen wir unsere weltweit gesammelten Erfahrungen jedermann zugänglich.

 

            Ferner arbeiten wir aktiv an der Verwirklichung des Millennium-Entwicklungsziels, bis 2015 allen Kindern den Besuch einer Grundschule zu ermöglichen. Wir müssen aber anerkennen, dass Bildung nicht gleichbedeutend ist mit dem Besuch einer Schule. Die Inhalte und die Qualität der Bildung sind entscheidend—und die Kinder müssen ihre Schulausbildung auch abschließen. 

 

Kinder in Industrie- und Entwicklungsländern müssen darüber hinaus mehr über einander erfahren. Ich befürchte, dass heute zu viel Hass anerzogen wird, der in Zukunft nicht mehr aus den Köpfen der Menschen heraus zubekommen sein wird. 

 

            Kindern eine hochwertige Bildung zu bieten ist nicht nur der richtige Ansatz, sondern hat auch einen gewaltigen Einfluss auf die Entwicklung. In den nächsten zehn Jahren könnten rund 7 Millionen Neuinfektionen mit HIV verhindert werden, wenn die 115 Millionen Kinder, die heute keine Schulbildung erhalten, eine Schule besuchen würden. Daher haben wir vor zwei Jahren die Fast Track Initiative ins Leben gerufen, um die Schaffung eines Zugangs zu Grundschulbildung für Kinder, die heute keine Schule besuchen, zu beschleunigen. Und welche Erfahrungen haben wir gemacht?

 

            Unseren Schätzungen zufolge werden in den nächsten sieben bis acht Jahren 3,6 Milliarden US-Dollar an zusätzlichen Hilfen pro Jahr nötig sein, um zu gewährleisten, dass jedes Kind eine abgeschlossene Grundschulausbildung erhalten kann. Das bedeutet 1.200 US-Dollar pro Schulklasse mit 40 Kindern, um die Kosten für Lehrer, Bücher und den Klassenraum zu decken, beziehungsweise 30 US-Dollar pro Jahr für jedes Kind, das derzeit keine Schule besucht. Im Vergleich dazu wenden wir weltweit 150 US-Dollar pro Frau, Mann und Kind für Militär- und Verteidigungsausgaben auf.

 

Leider vermochte die internationale Gemeinschaft dieses Geld bislang noch nicht aufzubringen. Wir haben die Versprechen, die wir den Kindern im Jahr 1990 in Jomtien, im Jahr 2000 in Dakar und im Jahr 2002 in Monterrey gegeben haben, noch nicht erfüllt.

 

Wir halten unser Versprechen einfach nicht.

 

Globale Führung für das 21. Jahrhundert

 

            Herr Vorsitzender, diese Aspekte—der Schutz unseres Planeten, die Ausweitung des Kampfes gegen die Armut und Bildung für die Jugend—zählen zu den wichtigsten Voraussetzungen für mehr Sicherheit in der Welt.  Wir wissen, was zu tun ist. Warum geschieht nichts?

 

            Ich denke, das liegt daran, dass wir als internationale Gemeinschaft nicht gut genug mit globalen Problemen umgehen. Und das, obwohl die wichtigsten Probleme, mit denen wir konfrontiert werden, heute mehr denn je globaler und nicht nationaler, langfristiger und nicht kurzfristiger Natur sind.

 

Unser System funktioniert heute so, dass wir uns bei einer Reihe von Weltkonferenzen auf Ziele einigen. Und zwar zu unterschiedlichsten Bereichen, vom Umweltschutz und der Wichtigkeit der Gleichberechtigung von Mann und Frau bis hin zur Bildung. In den letzten Jahren haben die Vereinten Nationen unter der bemerkenswerten Führung von Generalsekretär Kofi Annan eine Reihe von internationalen Konferenzen veranstaltet. Im Jahr 2000 wurde bei der Millennium-Versammlung, wie wir alle wissen, eine Reihe von Zielen festgelegt, die bis 2015 erreicht werden sollen. Und diese Ziele fanden einmütige Zustimmung.

 

Als nächstes versuchen nationale Regierungen mit Unterstützung internationaler Organisationen und der zuständigen Institutionen, diese Ziele zu erreichen. Etwa alle fünf Jahre wird im Rahmen einer weiteren Weltkonferenz untersucht, welche Fortschritte erzielt wurden. In der Regel endet diese Konferenz mit der Erkenntnis, dass wir die Ziele verfehlt haben. Und so werden neue Ziele festgelegt. Es folgen Schuldzuweisungen und Lobeshymnen und danach richten wir unseren Blick auf die nächsten fünf Jahre. 

 

Im Laufe dieser fünf Jahre erörtern dann Staatsoberhäupter oder Minister bei einer Konferenz an einem oder zwei Tagen pro Jahr die eine oder andere dieser weltweiten Zielsetzungen und Zusagen. Die wohl bekannteste jährliche Konferenz ist der G8-Gipfel. Doch es gibt noch viele weitere: etwa den G10-, den G20-, den G24- und den G77-Gipfel. Und dann gibt es noch regionale Konferenzen von Staats- und Regierungschefs in Asien, Afrika, Lateinamerika, Europa und anderswo. 

 

  Zwar hatten diese Treffen durchaus Anteil an den gewaltigen Fortschritten in der Entwicklung der letzten Jahrzehnte, aber es gelingt uns dennoch nicht, die vereinbarten Ziele zu erreichen. Wir brauchen eine stärkere Führung und es bedarf einer kontinuierlichen Beschäftigung mit den zentralen Problemen der Welt.

 

Tatsächlich war dies sogar der Grundgedanke hinter der Gründung der G7, als diese vor einem Vierteljahrhundert erstmals zusammenkamen. Damit erkannten die Staats- und Regierungschefs der führenden Länder an, dass sie zwei Tage pro Jahr aufbringen mussten, um langfristige weltumspannende Probleme zu erörtern. Ihre Gipfeltreffen finden immense Beachtung und sind überaus wichtig. Denn sie lenken die Aufmerksamkeit der ganzen Welt auf die drängendsten aktuellen Probleme.

 

Doch die Herausforderungen in aller Welt sind in den letzten 25 Jahren noch größer, noch anspruchsvoller geworden.  Das Gleichgewicht zwischen Industrie- und Entwicklungsländern hat sich deutlich verschoben—und wird sich weiter verschieben. 

 

Möglicherweise ziehen es die G8-Führer, die so viel erreicht haben, ja einmal in Erwägung, häufiger und mit mehreren Vertretern der Staats- und Regierungschefs aus anderen Teilen der Welt zusammenzukommen, um neue Möglichkeiten zu erschließen, die drängenden weltweiten Probleme zu lösen. Auf diese Weise könnten sie über die weltweit erzielten Fortschritte berichten, über die zur Verwirklichung der Ziele unternommenen Anstrengungen informieren und dazu beitragen sicherzustellen, dass Zusagen eingehalten werden.   

 

In der Welt von heute ist jeder von uns nicht nur Bürger seines Landes, sondern ein Weltbürger. Ohne ein größeres, sichtbares Engagement durch eine weltweite Führung werden wir die bahnbrechenden Erfolge, die wir brauchen, um echte Sicherheit und echten Frieden zu gewährleisten, nicht erzielen können.  

 

Schlussfolgerung: Wir müssen unsere Versprechen halten

           

Herr Vorsitzender, wir sind eine Welt.

 

Umweltverschmutzung in einem Teil der Erde bedeutet Umweltverschmutzung überall. Armut in einem Teil der Erde bedeutet Armut überall. Terrorismus in einem Teil der Erde bedeutet Terrorismus überall. Ein Bombenanschlag in Bali, Madrid oder Moskau macht uns allen Angst. Wir fühlen uns nicht mehr sicher.

 

Unseren Planeten zu einer gerechten, sicheren Welt zu machen ist ein Problem, an dem wir alle gemeinsam arbeiten müssen—und wir brauchen dazu eine weltweite Führung und politischen Willen. Nur so können wir unsere Versprechen halten, die wir dem Bauern aus Machu Picchu, der Frau vom Löss-Plateau und den jungen Menschen in Sarajevo gegeben haben.

 

Wir sind es uns selbst schuldig. Wir sind es unseren Kindern schuldig. Dazu müssen wir uns um der Sicherheit und des Friedens willen entschließen.

 

Vielen Dank.